VW Käfer
Er läuft und läuft und läuft – und manchmal wird er getragen

Tanja Stelzer, Textchefin des ZEITmagazins und Geburtsjahrgang 1970, fährt einen Käfer, auch Jahrgang 1970.
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Der Käfer kommt aus dem Museum und muss deshalb mit dem Lastwagen gebracht werden, er soll sich schonen, bloß keinen Kilometer zu viel, so alt ist er schon. 40 Jahre, was mag das sein in Menschenjahren? Bei Katzen heißt es: Katzenjahre mal sieben gleich Menschenjahre. Wäre er eine Katze, wäre der Käfer schon 280.

Vorsichtig lässt ihn der Transporteur die Rampe herunter, als wäre der Käfer ein Opa im Rollstuhl. Die Nachbarn hängen am Fenster und fragen sich, ob Opa jetzt bei uns einzieht. Er ist grau und muffelt ein bisschen, muss ich zugeben, aber ist das nicht oft so bei älteren Leuten? Mein grauer Opa riecht nach Moder und Benzin, und als ich den Schlüssel umdrehe, lässt er seinen Atem rasseln.

Sofort bin ich hin und weg. Es ist der Sound meiner ersten Erwachsenenjahre, und in den nächsten Tagen werde ich mir nie sicher sein, ob es diese Ausdünstungen sind, die mir weiche Knie machen, oder die Zahl, die in meinem Kopf Kreise dreht. 40. Der Käfer ist so alt wie ich, wir feiern zusammen Geburtstag.

Sobald ich das Knattern höre, ist es Nacht, ich bin 18 und fahre von einer Party nach Hause. Mein Freund damals hatte so einen Käfer, den wir an einem Sommernachmittag auf einem Feld in ein Jackson-Pollock-artiges Kunstwerk verwandelten. Das Auto sagte: Wir sind jung und frei und rollen jetzt ins Leben.

Irgendwann hat mein Freund das Auto verschrotten lassen, weil es nicht richtig bremste. Nach den ersten Metern mit dem Museumsstück weiß ich: Käfer bremsen halt nicht, die kommen aus einer langsameren Zeit, in der man vorausschauender durchs Leben fuhr. Eine Zeit, in der Autofahren noch Muskelarbeit war, in der man an Hebeln zog, und das Licht ging an; in der man ein Auto noch verstehen konnte, in der man sich ihm aber auch widmen musste. Wenn man fährt, hat man immer zu tun: irgendein Fenster hochkurbeln, damit die Scheiben nicht beschlagen; den Blinker zurücksetzen, wenn man abgebogen ist.

Das Einmalige am Käfer ist, dass er sich mit Deutschland verwandelt hat. Er war Kriegsauto, Wirtschaftswunderauto, Hippiefahrzeug, und heute ist er ein wunderschöner Oldtimer. Der Käfer ist Demokratie, Rock ?n? Roll, Jugend, Alter, alles zusammen. Natürlich ist er auch langsam, er kann heute nicht mehr mithalten.

Nach einer Woche wird Opa abgeholt. Ein kräftiger Mann fährt ihn die Rampe hoch und schnallt ihn mit Gurten fest, als wär der Laster ein Bett im Pflegeheim. "Wird alles gut", flüstere ich. "Ich komm dich besuchen, ich versprech?s."

Technische Daten:

Motorbauart: Vierzylinder-Benzinmotor
Leistung: 29 kW (40 PS)
Beschleunigung (0-100 km/h): 28 s
Höchstgeschwindigkeit: 122 km/h
Verbrauch: 9,5 Liter
Preis: circa 7.000 Euro (Preis 1970: 5.495 DM)

Kommentare zu " VW Käfer: Er läuft und läuft und läuft – und manchmal wird er getragen"

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  • Auch meine ersten Autos waren Käfer, verbunden mit vielen schönen Erinnerungen. Diese Wagen hatten noch Charakter u. man konnte noch etliches selber reparieren. Heute bieten die Autos viel mehr Komfort u. Sicherheit, sind aber irgendwie seelenlos.

    Sollte sich die Gelegenheit ergeben, werde ich mir irgendwann mal wieder einen Original-Käfer zulegen. Umwelt hin o. her. Die ET-Versorgung ist weitestgehend gesichert.

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