Wenn der Airbag das Ich in seine Grenzen zurückweist
Rasen, blockieren, beleidigen

Lang ist die Liste der Aggressionen denen Verkehrsteilnehmer täglich auf Deutschlands Straßen begegnen. Ist jede aggressive Geste, jede Lichthupe und jedes Schimpfen auf der Autobahn wirklich so gefährlich?
  • 0

HEIDELBERG. Schneiden, blockieren, hupen, Mittelfinger strecken, beleidigen, schreien, mit dem eigenen Fahrzeug absichtlich andere prellen, fremde Fahrer verprügeln, Verkehrsteilnehmer ausbremsen und provozierend schnell oder langsam fahren, mit Vorliebe auf der linken Spur: Lang ist die Liste der Aggressionen im Straßenverkehr, die aber „im Vergleich zu ihrer hohen Präsenz in der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit bisher wenig wissenschaftliche Aufmerksamkeit erfahren hat“, stellen Bernhard Schlag und Philipp Yorck Herzberg fest.

Der Verkehrspsychologe an der TU Dresden und der medizinische Psychologe am Universitätsklinikum Leipzig haben die Forschungslücke geschlossen. In ihrer Überblicksstudie „Aggression und Aggressivität im Straßenverkehr“ erklären sie, warum die wissenschaftliche Untersuchung des Rowdytums auf der Straße so wichtig ist: „Das Verkehrsverhalten ist eine maßstabgerechte Verkleinerung gesellschaftlicher Verhältnisse und damit auch repräsentativ für die generelle Aggressionsbereitschaft einer Gesellschaft.“

Die Wissenschaftler unterscheiden zwischen „instrumenteller“ und „affektiver Aggression“. Wenn auf der Straße bei der Durchsetzung eigener Ziele die Schädigung anderer Verkehrsteilnehmer in Kauf genommen wird, ist die Aggression instrumentell. Affektiv ist das Verhalten, wenn die klare Absicht zu schädigen besteht.

Doch ist jede aggressive Geste, jede Lichthupe und jedes Schimpfen auf der Autobahn wirklich so gefährlich? Jeder Autofahrer, der in sich hineinhorcht, findet ungezählte Beispiele eigenen Fehlverhaltens, die ohne jede konkrete Folge geblieben sind. Man jagt sich und bedroht sich, doch kaum ist die Autotür zugefunkt, ist der Hass verflogen. Wie die Ritter im Mittelalter zeigen sich die Fahrer dann nicht mehr den Mittelfinger, sondern strecken die Hand zum sportlichen Gruße hin; das wirkt eigentlich harmlos.

Der Verkehrspsychologe Schlag widerspricht: „Nur wenige Unfälle gehen auf rein technisches Versagen zurück. Motivation prägt die Verkehrssicherheit entscheidend.“ Studien zufolge spiele nicht nur die Interaktion zwischen Fahrer und Technik eine wichtige Rolle bei Unfällen, auch die Geschlechtszugehörigkeit und viel stärker noch das Alter der Fahrer. Aggressivität sei in der Tat besonders wichtig. Schließlich sei der Straßenverkehr ein ideales Betätigungsfeld, persönliche, aggressive Veranlagungen auszuspielen sowie Frustrationen, Ärger und Wut loszuwerden.

Schlag hat in eigenen Forschungen herausgefunden, dass etwa jugendliche Fahranfänger keine homogene Gruppe sind. Erst wenn besondere Funktionen des Fahrens, also eine überhöhte Bedeutung des Kraftfahrzeugs und des eigenen Fahrstils, für das Selbstbild hinzukommen oder aggressive Motivationen, dann steige die Unfallhäufigkeit dramatisch. Fahrversuche haben gezeigt, dass zwei Drittel der Fahranfänger unauffällig fuhren, ein Drittel riskant. Die Zusammenhänge zwischen aggressiver Disposition und dem Fahrstil, der Anzahl von Verwarnungen, Bußgeldern und Flensburg-Punkten sowie dem Fahren unter Alkoholeinfluss seien deutlich, so Schlag. Durch Aggression bilde sich eine Population mit überproportionalem Unfallrisiko.

Erklärungen für aggressives Fahren gibt es viele, instinkttheoretische, evolutionsbiologische und psychoanalytische. So begünstige Anonymität im Auto Aggressionen, schreiben die Wissenschaftler. Bei jüngeren Männern ist die Konkurrenz um Status in der Partnerwahl einer der Erklärungsfaktoren. Dichtes Auffahren verdränge ein Individuum. Dass machohaftes Autofahren Gefahren mit sich bringe, sei unbestritten, schließlich würden ja – so Psychoanalytiker – im Auto Größenfantasien ausgelebt. Das Ich regrediert auf frühere Organisationsformen der Bindungs- und Grenzenlosigkeit – so lange, bis der Airbag das Ich in seine Grenzen zurückweist.

Keiner ist vor Aggressionen gefeit. Wie fühlt man sich, wenn man auf dem Weg zu einem dringenden Termin wieder einmal eine grüne Ampelphase verpasst hat, weil vor einem jemand gerade die Tugend der Langsamkeit wiederentdeckt? Schlag erläutert: „Generell gerät bei starker Erregung und bei Ärger die gesunde Gewichtung zentraler Systeme der Selbstkontrolle aus dem Gleichgewicht, zum Beispiel die Faktoren Kognition, Emotion und Gewohnheit.“

Seite 1:

Rasen, blockieren, beleidigen

Seite 2:

Kommentare zu " Wenn der Airbag das Ich in seine Grenzen zurückweist: Rasen, blockieren, beleidigen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%