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Wenn der Airbag zur Gefahr wird

Die Schutzwirkung von Airbags ist unbestritten, weshalb sie längst zur Serienausstattung gehören. Dennoch gibt es Situationen, in denen sie für Babys und Kleinkinder gefährlich werden können, erklärt der TÜV Süddeutschland in München.

dpa/gms LANDSBERG/RÜSSELSHEIM. Die Schutzwirkung von Airbags ist unbestritten, weshalb sie längst zur Serienausstattung gehören. Dennoch gibt es Situationen, in denen sie für Babys und Kleinkinder gefährlich werden können, erklärt der TÜV Süddeutschland in München.

Wird nämlich ein Kind auf dem Beifahrersitz mitgenommen, besteht bei nicht abgeschaltetem Beifahrer-Airbag akute Lebensgefahr. Dies gilt vor allem für die Verwendung so genannter Reboard-Systeme, bei denen Kinder mit dem Kopf in Fahrtrichtung liegend transportiert werden. Der Beifahrer-Airbag kann die Transportschale erfassen und nach hinten katapultieren. „Wenn der Airbag auslöst, ist das für das Kind tödlich“, erklärt Hubert Paulus vom Adac-Technikzentrum in Landsberg (Bayern). Der Kopf befinde sich bei Reboard-Systemen zu nah am Airbag. Dieser zünde mit Geschwindigkeiten von bis zu 200 Kilometern pro Stunde, wodurch das Kind regelrecht „angeschossen“ werde.

Hat das Fahrzeug einen Beifahrer-Airbag, ist daher dem TÜV zufolge die Mitnahme von Kindern in Reboard-Systemen auf dem Beifahrersitz verboten - es sei denn, der Airbag wird zuvor deaktiviert. Je nach Fahrzeugmarke und -typ erfolgt die Abschaltung entweder per Schalter, über ein Schloss oder in der Werkstatt, die den Airbag abklemmt.

So verfügen zum Beispiel laut VW-Sprecher Harthmuth Hoffmann in Wolfsburg alle neuen Polo, Golf, New Beetle, Passat, Touran, Touareg, und Phaeton über ein Schloss im Handschuhfach, über das sich der Beifahrer-Airbag bei Bedarf mit dem Zündschlüssel abschalten lässt. Bei älteren VW-Modellen müssten in der Vertragswerkstatt das Airbag-Steuergerät verändert sowie die Steckverbindung zum Beifahrer-Airbag gelöst werden. Dieser könne dann nicht mehr zünden.

Diese Lösung hat nach Angaben des Adac-Experten Paulus den Nachteil, dass der Beifahrersitz permanent ohne Airbag-Schutz ist. Doch auch die Deaktivierung per Schalter oder Zündschlüssel habe ihre Tücken: Bei manchen Fahrzeugtypen seien die Schalter so ungünstig platziert, dass sie auch aus Versehen betätigt werden könnten.

Daher setzt Opel in Rüsselsheim auf ein System mit so genannter automatischer Belegungserkennung. Im Kindersitz ist dabei ein Transponder eingebaut. Wird der Sitz auf dem Beifahrersitz platziert, erkennt ihn das Airbag-System automatisch und schaltet den Beifahrer-Airbag ab, was durch eine Kontrollleuchte angezeigt wird. Wird der Kindersitz entfernt, schaltet sich der Airbag wieder scharf.

Erhältlich ist das System laut Opel-Sprecher Patrick Munsch als Sonderausstattung für die neuen Modelle Astra, Vectra, Signum, Zafira, Meriva und Tigra. Wird ein Kindersitz verwendet, der keinen Transponder besitzt, sei der Transport auf dem Beifahrersitz nicht erlaubt. Bei älteren Opel-Modellen sei der Beifahrersitz generell nicht für Kindersitze freigegeben, da eine Deaktivierung per Schalter und das Abklemmen durch die Werkstatt bei Opel nicht vorgesehen sind.

Als Grund nennt Munsch, dass der Hersteller diese Verfahren für zu unsicher halte: „Es muss ein automatisches System sein. Beim manuellen Abschalten besteht die Gefahr, dass Fehler gemacht werden.“ So könnte etwa nach der Mitnahme eines Kindes vergessen werden, den Beifahrer-Airbag wieder zu aktivieren - mit eventuell fatalen Folgen für Erwachsene. VW-Sprecher Hoffmann hält es dagegen für wichtig, dass das Abschalten des Airbags eine „bewusste Entscheidung“ bleibt - auch wenn ein automatisches System sicher gewisse Vorteile habe.

Adac-Experte Paulus rät, schon beim Kauf eines Autos darauf zu achten, ob sich der Beifahrer-Airbag abschalten lässt. Eine Nachrüstung dieser Funktion sei in der Regel nicht möglich. Hinweise dazu sind in der Bedienungsanleitung aufgeführt. Dort ist ebenfalls angegeben, welche Plätze im Auto der Hersteller für Kindersitze überhaupt freigegeben hat. Laut Paulus sollten diese Hinweise auch wegen des Haftungsrisikos befolgt werden. Wird zum Beispiel ein fremdes Kind auf einem Platz mitgenommen, den der Hersteller nicht dafür vorgesehen hat, haftet beim Unfall der Fahrer für die Folgen.

Unabhängig von den Vor- und Nachteilen der Abschalt-Verfahren empfiehlt der Adac, Kinder grundsätzlich auf der Rückbank mitzunehmen. „Das ist im Auto der sicherste Platz“, sagt Paulus. Auch für den Fahrer hat das Vorteile, weil er nicht permanent zum Kind schauen kann und weniger abgelenkt ist. Am besten fährt laut Paulus zudem hinten jemand mit, der sich jederzeit um das Kind kümmern kann. Der Fahrer kann sich dann ganz auf den Verkehr konzentrieren.

Nur in Ausnahmefällen hält es Paulus für angebracht, ein Kleinkind in geeigneten Sicherungssystemen auf dem Beifahrersitz mitzunehmen. Das gilt zum Beispiel wenn es sich um ein „Spuckkind“ handelt, das besondere Aufmerksamkeit erfordert, oder wenn die Rückbank schon durch andere Kinder besetzt ist.

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