Wenn der mobile Hunger kommt
Schnelles Essen auf Rädern

Die Amerikaner lieben Speis und Trank im Rollen. Jetzt kauen deutsche Autofahrer mit.

Wenn den gestressten Autofahrer plötzlich der mobile Hunger packt, kann es oft nicht schnell genug gehen. Die linke Hand fest am Lenkrad, greift die rechte hektisch ins Handschuhfach und wühlt sich durch Straßenkarten, Eiskratzer und Ledertuch zu Essbarem vor.

Wenn es verdächtig knistert und raschelt, setzt der Speichelfluss ein. Der handliche Schokoriegel macht den Autofahrer gleich glücklich, endlich gibt es einen Glukoseschub fürs Hirn. Denkt er.

Aber bevor der Steuermann genüsslich reinbeißen kann, schiebt er den plastikverpackten Riegel zwischen die Zähne und reißt mit verbissener Miene an der bunten Folie. Der geübte Autoesser bekommt den Schokoriegel bei dieser Hauruckaktion sofort zu packen, der Anfänger jedoch holt sich die Bruchstücke vom Boden.

Sind es hier zu Lande mehrheitlich die kleinen Snacks und die mundgerechten Happen mit der tüchtigen Portion Energie, die der Autofahrer verspeist, gönnt sich der US-Amerikaner deutlich mehr. Schätzungen gehen davon aus, dass im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zehn Prozent der Mahlzeiten im Auto konsumiert werden und etwa 70 Prozent der Fahrer im Auto essen.

Für dieses Essverhalten hat die Marktforschung den Begriff „Dashboard Dining“ geprägt, was so viel wie „Abendbrot am Armaturenbrett“ heißt. Ein Indiz für die Verbreitung dieses Phänomens sind die selbstverständlich gewordenen Getränkehalter, die es inzwischen in einem neuen PKW fast an jedem Sitzplatz gibt. Manche fallen sogar durch eine rechteckige Form auf, so dass auch Kartons Platz finden.

Diese Halterung war ursprünglich – wie es der Name verrät – für Getränke in Dosen, Flaschen und Bechern gedacht, beispielsweise den „Coffee-to-go“ im Pappbecher.

Doch die Lebensmittelindustrie in den USA hat diese Öffnung auch für sich entdeckt. Seitdem kreiert sie passgenaue Verpackungen, die mit mehr oder weniger fester Nahrung gefüllt sind.

„Als praktisch erweist sich hier die Idee, die Kekse in Bechern anzubieten“, sagt eine Sprecherin der Düsseldorfer Fachmesse Interpack 2005. „Die nach oben auf über acht Zentimeter erweiterte Öffnung ist so gestaltet, dass ein Erwachsener mit der Hand leicht in den Becher greifen kann.“

Wer sich für ein rollendes Mittagessen entschieden hat, bei dem darf es am Steuer auch heiß zugehen. Campbell, einer der weltweiten Marktführer für Suppen, entwickelte das Produkt „Soup at Hand“, dessen Verpackung genau in den Halter passt. Der Konsument erhitzt seine „Chicken & Stars“ oder seine „Mexican Style Fiesta“ – so zwei der 13 Geschmacksvarianten – zu Hause in der Mikrowelle und nimmt das isolierte Fertigprodukt mit ins Auto.

Nun kann der Hungrige entscheiden, ob er aus dem Becher mit der Schutzkappe schlürft oder sich das Süppchen durch einen dicken Strohhalm zieht. Hühnchenteile und Nudeln sind so klein, dass sie keine Verstopfung verursachen.

In Deutschland sieht Campbell für „Soup at Hand“ keinen Markt. Allerdings könne die Firma bei einer Trendwende sofort reagieren.

In den USA findet auch der Joghurt aus der Tube reißenden Absatz, den sich der Autofahrer mit einem kräftigen Händedruck in den Rachen schießt. Unwahrscheinlich, dass hier zu Lande die Nachfrage nach diesen Einhand-Speisen großartig wächst. Denn es sind die amerikanische Esskultur und das weite Straßennetz, die das Essen auf Rädern derart kultiviert haben. Außerdem lädt das oft eingeschränkte Tempo von 55 Meilen auf schnurgeraden Strecken mit eingeschaltetem Tempomat zu Nebenbeschäftigungen wie Knabbern und Schlürfen ein.

Die Urlaubszeit hat es gezeigt: Die Deutschen steuern immer noch lieber Rast- und Parkplätze an. Oder sie kaufen zwar vom Auto aus am Schalter eines Drive-in, parken aber direkt, nachdem sie den warmen Styroporkarton durch das Wagenfenster erhalten haben. Schließlich bekommt man mit angezogener Handbremse tropfenden Ketchup, eine fetttriefende Pizza oder extrem bröselndes Knabbergut leichter in den Griff – als Fahrer wie als Fahrgast.

Der Schrecken aller Autofahrer, wenn ein Malheur Ledersitze, Rock oder Hose trifft, birgt bei getretenem Gaspedal ein beträchtliches Unfallrisiko. Der US-Autoversicherer Hagerty hat den heißen Kaffee als gefährlichstes Nahrungsmittel ermittelt, gefolgt von jeglicher Kombination mit rotem Chili. Und noch einen Trumpf hat das Essen im Auto, auch wenn es nicht Knigge-fähig ist. Die einen genießen es nämlich, vom Beifahrer wie ein Kleinkind gefüttert zu werden. Die anderen erfreuen sich am Essen ohne Besteck und zelebrieren genüsslich das Fingerablecken nach der schnellen Mahlzeit.

Als neueste Errungenschaft aus den USA bewähren sich Kunststoffschläuche, an denen der Autofahrer lange lutschen kann. Zur Wahl stehen Schokopudding, Erdnussbutter oder Apfelmus, die angefroren noch besser schmecken sollen.

Eigentlich das ideale Rezept gegen zu offensive Autofahrer: Wissen wir doch aus unserer Kindheit, dass Nuckeln beruhigt.

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