Zehn Jahre BMW und Rolls-Royce
Im Drophead-Coupé der Krise enteilen

In Europa stöhnen die Autohersteller über die Absatzkrise. In ganz Europa? Nein, im britischen Goodwood trotzt ein kleine, feine Marke mit purem Luxus dem Abwärtstrend. Dank BMW geht es Rolls-Royce richtig gut..
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Goodwood/MünchenDer aktuelle Nachfrageschwund bei Neuwagen gilt nur für Autos, die Normal-Sterbliche auch bezahlen können. Im Super-Luxussegment gelten andere Gesetze. Rolls Royce zum Beispiel eilt von einem Produktionsrekord zum nächsten. Auch wenn Deutschland nicht zu den Märkten gehört, wo die betuchte Kundschaft ihren Wohlstand gern offensiv zur Schau stellt, ist der Luxus-Boom an den hiesigen Zulassungszahlen abzulesen.

Schon 2012 war kein schlechtes Jahr für die englische Traditionsmarke, im ersten Halbjahr wurden für deutsche Kunden immerhin 24 Fahrzeuge neu zugelassen. Dieses Jahr waren es in den ersten sechs Monaten schon 40. Und keiner dieser Luxusschlitten kostete weniger als eine Viertelmillion Euro.
Gerade hat die Marke die erste Dekade einer neuen Unternehmens-Ära vollendet. Vor genau zehn Jahren erschien der erste Rolls Royce auf der Bildfläche, der komplett unter der Ägide von BMW entstanden war. In den geheimnisumwitterten Pokerpartien zwischen den damaligen BMW- und VW-Chefs wurden die beiden englischen Nobelmarken Bentley und Rolls Royce, die seit den dreißiger Jahren in einem Unternehmen zusammen gefasst waren, getrennt.

Die traditionelle Fertigungsstätte in Crewe blieb bei Bentley und ging damit an Volkswagen, Rolls Royce fand auf den Ländereien des autobegeisterten Earl of March in Goodwood eine neue Bleibe. Kurz nach Mitternacht wurde am 1. Januar 2003 das erste Phantom-Modell neuer Zeitrechnung an einen australischen Kunden ausgeliefert.

Zur Überraschung vieler handelte es sich nicht um einen aufgeblasenen Siebener-BMW, sondern um eine viertürige Limousine mit eigenem Charakter, die in Sachen Komfort und Qualität neue Maßstäbe setzte. Unterm Blech allerdings kam reichlich bewährte BMW-Technik zum Einsatz, zu allererst der für den 7er-BMW konstruierte Zwölfzylinder-Motor, der in England überarbeitet und auf 6,75 Liter aufgebohrt wird.

Heute umfasst das Modellangebot außer dem 5,84 Meter langen Phantom II ein daraus abgeleitetes zweitüriges Coupé sowie ein Cabrio (Drophead Coupé). Dazu gesellte sich 2009 das etwas despektierlich „Baby-Phantom“ geheißene Modell „Ghost“, das immer noch 5,40 Meter lang ist.

Während der Phantom ein klassisches Chauffeurs-Fahrzeug ist, in dem die Fondgäste sich in handschuhweiches Leder kuscheln, die Zehen in lammwollene Hochflorteppiche versenken und edle Tropfen aus dem zwischen den Sitzen platzierten Champagner-Kühler genießen, ist das Drophead-Coupé eher ein Wagen für genussbereite Selbstfahrer.

Entsprechend der weiland von Henry Royce gegebenen Standard-Antwort auf die Frage nach der Leistung seiner Fahrzeuge, hat der Lenker auch hier „ausreichend“ Pferdestärken zur Verfügung. Genau sind es 460. Mehr als ausreichend ist die zu beschleunigende Masse: 2,7 Tonnen wiegt der fahrfertige Freiluft-Rolls, mehr als ein Durchschnitts-SUV inklusive Passagieren.

Nicht allein solide Bauweise ist verantwortlich für einen derart gewichtigen Auftritt, auch Dutzende von Nebenaggregaten, Hilfs- und Stellmotoren hinterlassen ihre Spuren auf der Waage. Die hinten angeschlagenen Türen beispielsweise muss der müde Scheich nicht von Hand zuziehen, das wird elektrisch erledigt.

Ebenso legendär wie die Marke selbst ist die Aussage, das lauteste Geräusch, das man während der Fahrt höre, sei das Ticken der Borduhr. Im Falle der Drophead-Testfahrt stimmte dies nicht – das Gebläse der Klimaanlage war's. Ein vermutetes Gurgeln im Tank unterblieb, obwohl 17,3 Liter je hundert Kilometer Strecke durch die Benzinleitungen rauschten.
Für die Besitzer dieser Schlitten sind solche Werte natürlich komplett irrelevant, vielmehr schätzen sie eine Eigenschaft, die das etwa gleich teure Appartement auf Sylt eben nicht hat: Man ist mobil, nimmt die mehr als zehn Quadratmeter große Sonnenterasse einfach mit dahin, wo die Sonne scheint. Anstrengungslose Beschleunigung und sänftenartiges Dahingleiten im Angesicht hochglanz-polierten Walnussholzes verschafft die besondere Form von Lebensqualität.

Der nötige Schuss Nostalgie kommt vom großen und mit einem unerwartet dünnen Kranz versehenen Lenkrad – damit gar nicht erst der Verdacht entsteht, es handele sich hier um einen profanen Sportwagen. Dass der Koloss nötigenfalls auch 240 km/h rennt, wird billigend in Kauf genommen.

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Strive for Perfection

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