Zukunft der Mobilität
Umweltschutz darf nicht viel kosten

Der Wunsch nach einem eigenen Pkw stirbt nicht aus, sagt der Soziologe Rust im Interview. Die junge Generation wolle zwar die Umwelt schützen, sei aber kaum bereit, deswegen bei der Mobilität Verzicht zu üben.
  • 3

HamburgHerr Professor Rust, Sie haben Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 25 Jahren nach ihren Erwartungen an die Mobilität und insbesondere ans Auto gefragt. Welche Ergebnisse haben Sie am meisten überrascht?

Holger Rust: Vor allem die Tatsache, dass das Traumauto der jungen Leute überraschend konventionell ist. Fragt man sie nach den wichtigsten Kriterien beim Autokauf, dann heißt es: Das Auto soll relativ preiswert sein, zugleich auch leistungsstark und flott, aber auch sicher. Da unterscheidet sich die heranwachsende Generation kaum von ihren Eltern und Großeltern. Das ökologische Kriterium spielt dagegen eine geringere Rolle: Es darf sich nicht in allzu großen Kosten niederschlagen.

Die Behauptung, Jugendliche neigten dazu, die Lebenswelt ihrer Eltern in Frage zu stellen, trifft also auf das Verhältnis zum Auto nicht zu?

Rust: Viele Studien, die behaupten, Jugendliche hätten keine Lust mehr aufs Auto, schreiben eine momentane Befindlichkeit in einer biographischen Umbruchsituation einfach für die Zukunft fort – und das ist nicht legitim. Für einen 16-Jährigen mag ein Smartphone das wichtigere Statusobjekt sein, aber wenn er erst einmal 25 ist, könnte das Auto durchaus diesen Platz einnehmen.

In Untersuchungen werden bestimmte Indikatoren überbewertet, oder sie werden in Medien falsch interpretiert – etwa der sinkende Anteil junger Leute an den Neuwagenkäufern. Dieser Wert sagt nichts über die Haltung junger Erwachsener zum Auto insgesamt aus. Unsere Studie zeigt: Auch die junge Generation will selbstbestimmt mobil sein, und dieser Wunsch verbindet sich nach wie vor mit der Idee, ein eigenes Auto zu besitzen. Es stimmt allerdings, dass die emotionale Beziehung zum Auto, wie die Nachkriegsgeneration sie entwickelt hat, stark nachlässt.

Inwieweit sind die jungen Leute bereit, aus Umweltschutzgründen bescheidener zu werden und Verzicht zu üben?

Rust: Die Verzichtsfrage ist heikel. In Deutschland sind auch die Älteren zunehmend individuell mobil. Und in Schwellenländern wie China oder Indien gibt es einen Trend zur Massenmotorisierung mit immer größeren Fahrzeugen. Und dann suggeriert man den Jugendlichen hier: Fahrt weniger, damit die anderen mehr fahren können! Das werden die Angesprochenen nicht einsehen.

Ganz allgemein sind sie natürlich bereit zu umweltfreundlichem Verhalten, aber aus unseren Gesprächen ergibt sich eher der Eindruck, dass Umweltschutz ein wohl oder übel hinzunehmendes Kriterium ist – zumal zu einem Zeitpunkt in der Biographie, zu dem man ganz andere Sorgen als die Umwelt hat, etwa die Frage nach dem zukünftigen Beruf oder die Partnerschaft.

Ist umweltverträgliche Mobilität für die junge Generation unwichtig?

Rust: Nein. Aber nur die wenigsten wollen deshalb ihre Mobilität anders organisieren, als es ihre Eltern getan haben. Ein tiefgreifender Diskurs über Alternativen zur herkömmlichen Mobilität findet nicht statt. Damit hängt auch die Tatsache zusammen, dass die jungen Erwachsenen erstaunlich wenig über Autotechnik und die Zusammenhänge zwischen Autofahren und CO2-Ausstoß wissen. Sie erwarten ganz einfach von den Autoherstellern die richtigen Technologien, damit sie auch morgen noch so individuell mobil sein können wie ihre Elterngeneration. Damit bekommt die Industrie die neue Rolle zugewiesen, eine technologische Agenda zu setzen.

Laut Ihrer Studie finden zwei Drittel der jungen Leute, dass die Autohersteller nicht genug für sie leisten. Was sollten die Unternehmen tun?

Rust: Die Autoindustrie muss viel mehr mit den Heranwachsenden kommunizieren und so deutlich machen, wie wichtig ihnen der künftige Markt ist. Weil die emotionale Bindung zum Auto nicht mehr so stark ist und weil die jungen Menschen offen für neue Lösungen sind, sofern sie nicht viel kosten, ergeben sich für die Unternehmen neue Entwicklungsmöglichkeiten. Nur müssen sie in der öffentlichen Diskussion wesentlich deutlicher ihre technologischen Lösungen vorstellen.

Mit dem Risiko, nicht zu wissen, ob diese angenommen werden.

Rust: Das ist immer unberechenbar. Vor zehn Jahren wurde der Balance-Roller Segway wie eine Weltrevolution vorgestellt – er würde die innerstädtische Mobilität völlig verändern, hieß es. Doch nichts ist passiert, ein paar Touristen fahren heute damit herum. Auf der anderen Seite haben immer wieder technologische Angebote eingeschlagen, bei denen zuvor auch keiner in einer Marktforschungsumfrage gesagt hatte, dass er so etwas gern hätte, zum Beispiel das iPhone.

Hat sich die Industrie schon irgendwo zu früh festgelegt?

Rust: Ja. Derzeit wird fast nur über Elektromobilität gesprochen, es gibt kaum einen Wettbewerb um divergierende Antriebsarten. Doch sollte sich irgendwann herausstellen, dass die Elektromobilität eher eine gesellschaftliche Ideologie als eine wirklich technologisch zukunftsweisende Lösung ist, wären wir in einer prekären Lage, weil wir dann einen Pfad eingeschlagen hätten, den wir nur mühsam zurückgehen könnten.

...weil sich auch die Einstellung der jungen Generation zum Auto wieder ändern kann?

Rust: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das Auto wieder zu einem Statussymbol für junge Menschen wird. Schauen Sie sich die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt an: In wenigen Jahren werden Jugendliche von den Unternehmen umworben und nicht umgekehrt. Sie werden mehr Sicherheit und Zuversicht haben, aber auch mehr Geld verdienen. Dann werden teurere Konsumprodukte wie das Auto wieder eine neue Rolle spielen.

Holger Rust ist Professor für Wirtschaftssoziologie an der Universität Hannover mit dem Schwerpunkt Führung und Zukunftsmanagement, Wirtschaftspublizist und wissenschaftlicher Berater in einer Reihe von Unternehmen. Jüngst erschien sein Buch "Das kleine Schwarze: Jugendliche Autoträume als Herausforderung für das Zukunftsmanagement."

Kommentare zu " Zukunft der Mobilität: Umweltschutz darf nicht viel kosten"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • @LJA
    Also lieber LJA. Erstmal ging es ja in dem Artikel gerade um <<junge>> Menschen, nicht um die im Alter von 39, 49 und 59 Jahren. Davon abgesehen glaube ich fest, dass man auch noch mit 59 in der Lage ist, Fahrrad zu fahren und den Bus zu nehmen. Für die, die das nicht können, gibts diese T-Shirts ("Ich bin 30, bitte helfen Sie mir ...") ;-).

    Zu Ihren Bedenken im Einzelnen: Meine gesundheitliche Situation könnte mich vielleicht mal dazu bringen, meinen Führerschein abzugeben. Aber sogar das wird noch dauern, weil ich mich durchs Fahrradfahren fit halte.

    Meine berufliche Situation bringt mich schon jetzt regelmäßig dazu, den ÖPNV zu nutzen, weil man da bequem nebenbei arbeiten kann. Man spart sich praktisch den Chauffeur.

    Und, wenn Sie mit familiärer Situation Kinder meinen, kann ich nur antworten, dass die Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen uns erst recht dazu anhalten sollte, unsere CO2-Bilanz zu überdenken und mehr Bahn zu fahren. Da passieren auch weniger Unfälle.

    Für die wenigen Fälle, in denen man ein Auto braucht (Getränkekaufen etc.) kann man sich sehr gut ein Auto mieten anstatt kaufen. Spart unterm Strich Geld, und man unterstützt die lokale Wirtschaft.

    Ich weiß nicht einen Grund, ein Auto zu kaufen.

  • @ Jaguar
    Das ist ja sehr schön. Aber wir werden sehen, ob Ihre persönliche Lebenssituation, z.B. in gesundheitlicher, beruflicher oder familiärer Hinsicht, das mit 39, 49 oder 59 Jahren auch noch gestattet. Bei vielen Menschen ist das leider nicht so.

  • Das ist Unsinn. Ich bin 29 und fahre aus Umweltschutzgründen kein Auto. Mit dem Fahrrad und der Bahn bin ich mindestengs genauso "individuell mobil".

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%