Aprilia RSV4 RF
Frontalangriff aus Noale

Die jüngste Auflage des Aprilia Superbikes RSV4 will und muss das glücklose Vormodell vergessen machen. Wir sind schon mal aufgestiegen und haben erste Erfahrungen auf der Rennstrecke gesammelt.
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Valentino Rossi ist allgegenwärtig: In der Kantine des Misano World Circuit, nach dem verunglückten Rennfahrer Marco Simoncelli benannt, zieren ein Dutzend großer Plakate des „Dottore“ die Wände. Hier, in Rossiland, präsentiert der italienische Hersteller Aprilia, der stolz auf mittlerweile 54 Weltmeister-Titel blickt und im norditalienischen Noale zuhause ist, die jüngste Auflage seines Superbikes RSV4.

Mit jeder Menge elektronischer Fahrhilfen und einer Leistung von nunmehr 201 PS ist das in der Superbike-WM über Jahre so erfolgreiche Motorrad jetzt auch für leistungsbewusste Menschen eine Überlegung wert, die nicht den Nachnamen Rossi, Haslam oder Sykes tragen. Mit einem PS pro Kilo Leergewicht ist die RSV4 im exklusiven Kreis der allerstärksten Sportbikes angekommen.

Insbesondere der V4-Motor übt auf den Fahrer eine große Faszination aus: 999,6 Kubikzentimeter misst sein Hubraum, je zwei Kolben stehen im 65 Grad-Winkel zueinander. Das ergibt ein ganz spezifisches, dumpfes Auspuffgeräusch, das insbesondere beim Herausbeschleunigen aus mit mittlerer Drehzahl absolvierten Kurven als sehr animierend empfunden wird.

Blitzschnell dreht der Motor bis in den Bereich der Maximalleistung bei 13.000 Umdrehungen, die Gangwechsel verlaufen dank leichtgängiger Kupplung und präziser Schaltung einwandfrei.

Wer mag, setzt den serienmäßigen Quickshifter ein, der das Kuppeln – aufwärts – überflüssig macht. Ein Granaten-Antrieb, anders kann man es nicht sagen. Er überzeugt mit Kraft in allen Lebenslagen; die Drehmomentkurve mit einem Spitzenwert von 115 Nm bei 10.500/min. dokumentiert das eindrücklich. Für den, der’s wissen will: Die Höchstgeschwindigkeit wird mit 305 km/h angegeben.

Auch dem Fahrwerk merkt man an, dass Aprilia eine reiche Rennsport-Erfahrung hat: Der leichte Aluminium-Brückenrahmen ist vorne bei der RF-Version mit einer aufwendigen Öhlins-USD-Gabel verbunden, hinten arbeitet ein ebenfalls in allen Parametern verstellbares Zentralfederbein in Rennkonfiguration desselben Edelherstellers.

Die Grundabstimmung taugt, wie beabsichtigt für Durchschnittsfiguren; wer größer und auch schwerer ist, hat allerdings eine Menge Einstellarbeiten vor sich, bis ein zufriedenstellendes Fahrwerks-Setup gefunden ist.

Denn grundsätzlich ist die RSV4 ein eher nervöses Sportbike; es gibt Motorräder in dieser Kategorie, mit denen man leichter „warm“ wird. Das für extreme Fahrmanöver auf der Rennstrecke nötige Vertrauen sorgfältig erarbeitet werden.

Ist es dann einmal vorhanden, ist Fahrfreude garantiert: Die achtstufig einstellbare Traktionskontrolle regelt sehr feinfühlig, die Wheelie-Kontrolle hält das Vorderrad genauso am Boden wie die Abhebeerkennung des Bosch-ABS das, beim harten Bremsen, sehr leicht werdende Hinterrad zuverlässig einfängt. Wie es sich für ein zur High-Tech-Klasse gehörendes Sportbike gehört, sind alle Fahrhilfen unabhängig voneinander ein- und bei Bedarf auch abstellbar. Die vordere Doppelscheibenbremsanlage ist von höchster Güte und lässt bei gutem Grip Verzögerungen von deutlich über 1 g zu.

Auch ergonomisch passt alles auf der RSV4 RF für den Einsatz auf der Rennstrecke: Komfortfahrer haben auf ihr ohnehin nichts verloren. Die würden mit Aprilias neuester Errungenschaft, der Race-App fürs Smartphone, ebenfalls nichts anfangen können. In der Tat: Es ist schon gewöhnungsbedürftig, das Handy beim Rundenheizen auf dem Lenkkopf dabeizuhaben. Doch mit Hilfe der App lässt sich beispielsweise das Fahrzeug-Setup auf gespeicherten Rundstrecken Kurve für Kurve anpassen und hinterlegen.

Auch werden im Anschluss an den Turn sämtliche Details der Fahrzustände angezeigt. Freilich würden sich Fahrer, die nicht der „Affigkeit“ verdächtigt werden wollen, wünschen, das Smartphone ließe sich dezenter – beispielsweise unterm Sitz – unterbringen.

Mit einem Preis von 21.490 Euro inklusive Nebenkosten ist die RF-Ausführung der Aprilia RSV4 ein hochwertiges, fair ausgepreistes Motorrad, das in technischer Hinsicht keinen Vergleich zu scheuen braucht. Die rot-silberne Lackierung verleiht der RF eine ausgesprochen edle Anmutung.

Zudem gibt es für 3.000 Euro weniger die Basisversion RR, bei der die Federelemente weniger aufwendig gehalten (aber dennoch voll verstellbar), der Lenkungsdämpfer nicht einstellbar und die Felgen nicht geschmiedet, sondern aus Leichtmetall gegossen und damit etwas schwerer sind. Die RR ist stets mattlackiert, wahlweise in Schwarz oder Grau. Technisch mit der RF identisch ist die Version RR Race Pack für 20.990 Euro.

Verdient hat die Aprilia RSV4 einen Erfolg am Markt. Die Entwickler haben alles dafür Nötige getan. Jetzt liegt es an der Handelsorganisation der zur Piaggio-Gruppe gehörenden Marke Aprilia, die Erinnerung an das am Markt glücklose Vorgängermodell auszulöschen.

Technische Daten Aprilia RSV4 RF:
Motor:  Flüssigkeitsgekühlter Vierzylinder-V-Motor (65°), 999,6 ccm Hubraum, 148 kW/201 PS bei  13.000 U/min.,  115 Nm bei 10.500 U/min; Einspritzung, 6 Gänge, Kette.
Fahrwerk: Aluminium-Brückenrahmen (viele Details einstellbar), 43 mm Upside-down-Telegabel (Öhlins) vorne, voll einstellbar, 120 mm Federweg, einstellb. Öhlins-Lenkungsdämpfer; Aluminium-Zweiarmschwinge hinten, voll einstellbares Öhlins-Zentralfederbein, 130 mm Federweg; geschmiedete Leichtmetallräder; Reifen 120/70 R 17 (vorne) bzw. 200/55 R 17 (hinten). 320 mm Doppelscheibenbremse vorne, 220 mm Einscheibenbremse hinten; ABS.
Maße und Gewichte: Radstand 1.435 mm, Sitzhöhe 847 mm, Gewicht fahrfertig 201 kg; Tankinhalt  18,5 l.
Fahrleistungen: 0-100 km/h ca. 3,0 s, Höchstgeschwindigkeit 305 km/h.
Preis: 21.990 Euro inkl. Nebenkosten; Version RR 18.990 Euro.

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