Auf Tour mit dem Willys MB
Spartanischer gehts nicht

Standard-Oldtimer kann jeder. Also haben wir uns mal in einen Willys MB gesetzt, den Vorläufer des klassischen Jeeps. Mit weniger Auto kann man nicht unterwegs sein. Spaß macht es bei aller Anstrengung aber trotzdem.
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Eine Oldtimer-Veranstaltung ist eine schöne Sache, und noch schöner, wenn das Wetter mitspielt. Falls es aber doch einmal regnet – was soll´s. Wozu sind Autos geschlossen und bieten sicheren Schutz? Aber, Trugschluss. Wenn man im siebzigjährigen Willys unterwegs ist, liegen die Dinge anders. Dann macht man sich schon Gedanken, ob Petrus gut gelaunt sein wird.

Der Geländegänger, dessen Hersteller Willys-Overland die Vorläufermarke von Jeep ist, hat keine Türen. Und er hat keinen elektrischen Scheibenwischer. Und auch keine Heizung. Und – nebenbei erwähnt – keinen Bremskraftverstärker. Nicht einmal einen vierten Gang. Und die Sitze? Eine Metallablage mit knapp gepolstertem Kissen.

Was hat die Kunden bewegt, ein solches Fahrzeug zu kaufen? Gar nichts, denn den Willys MB konnte man nicht kaufen, er war ein rein militärisches Fahrzeug, für das die US-Armee einen Entwicklungsauftrag ausgeschrieben hatte. Der Wagen musste robust, kompakt und vor allem offroadfähig sein. Willys, eine Marke, die bereits vor dem ersten Weltkrieg Autos baute, bekam den Zuschlag und setzte die Forderungen des Lastenhefts durchaus gewissenhaft um: 1942 fuhren die ersten Willys MB, meist durch das kriegsgebeutelte Europa.

Mit diesem Auto also (unser Exemplar stammt aus dem Jahr 1944) sollen wir im Rahmen einer Oldtimer-Rallye mehr als 700 Kilometer durch das nordöstliche Deutschland und Polen reisen. Das klingt – sagen wir mal - spannend. Bereits der Einstieg in die kompakte Fuhre stellt einen kleinen sportlichen Akt dar, aber letztlich sitzt man recht ordentlich. Bitte keine zu hohen Erwartungen an das Mobiliar, dann steht die Gesichtsmimik auch nach einer 200-km-Etappe noch auf halbwegs freundlich.

Gegen die fehlende Heizung hilft warme Witterung oder wärmende Kleidung, da sollte man aber natürlich vorher dran denken. Aber sonst? Mit dem Auto lässt sich spielend umgehen, da dürften sogar ungeübte Fahrer wenig Probleme haben. Klar, der erste Gang ist nicht synchronisiert, die anderen beiden aber schon. Beim Herunterschalten ist etwas Feingefühl angesagt, dann klappt es ganz ohne mechanische Reibereien. Zur Not kann man auch mal im zweiten Gang anfahren, denn der ausgesprochen langhubige Vierzylinder ist ein kleines Drehmoment-Biest und setzt schon knapp über Standgas-Drehzahl ansehnliche Kräfte frei.

Überhaupt der Vierzylinder. Er holt 44 kW/60 PS aus 2,2 Litern Hubraum, das ist eine spezifische Leistung, die sich in den Vierzigern durchaus sehen lassen konnte. Wenn man ihn fordert, wummert er vernehmlich – bleibt aber mechanisch erstaunlich laufruhig. Sowieso fährt sich der Jeep-Vorgänger frappierend modern und zickt auch nicht in zügig gefahrenen Kurven. Gut, man muss natürlich den zeitlichen Kontext und die Verhältnisse berücksichtigen. Etwas mehr Beachtung verdienen die Bremsen. Ohne Servounterstützung und mit Trommeln an allen vier Rädern ist Ablenkung nicht empfehlenswert.

Selbst bei vollem Körpereinsatz blockieren die schmalen Grobstoller nicht, und beim Ausweichen verhält sich der Ami ganz schön träge: Landschaft freizügig genießen also bitte nur als Beifahrer. Der darf sich auch mal einen ausgiebigen Blick auf die zahlreichen Rundskalen gönnen: Da wären neben der Geschwindigkeit auch noch Öldruckmesser, Voltmeter und Wassertemperatur. Letztere muss kaum beachtet werden, der Willys ist robust und wird nicht zu heiß. Auffällig auch die beiden weiteren Hebel neben der Gangschaltung. Geländeuntersetzung und mechanische Differenzialsperre machen ihn zu einem waschechten Kraxler.

Doch das probieren wir nicht aus, das ist besser für Fahrwerk und Kupplung. Und wie ergeht es dem werten Befinden nach einigen hundert Kilometern ohne Heizung, aber dafür mit der vollen Ladung Frischluft? Man wird immerhin weniger durchgerüttelt als angenommen, die archaisch anmutenden Blattfedern verrichten ihren Job nämlich tadellos. Das dürre Speichenlenkrad lässt sich verhältnismäßig leicht drehen, Schwerstarbeit sieht in der Tat anders aus. Die stets mitfahrende Schaufel wurde auf den asphaltierten Straßen nicht gebraucht. Ein paar Frostaufbrüche waren die größten Hindernisse.

Andererseits: So groß die Faszination auch sein mag, die vom Jeep-Urahn Willys MB ausgeht. Nach so langer Strecke möchte man in ein anderes Auto umsteigen. Vor der nächsten Rallye also bitte noch einmal auf Fahrzeugsuche gehen. Wie wäre es mit einem Wagoneer, um bei der Marke zu bleiben? Der hat als Spitzenversion standesgemäße acht Töpfe unter der Haube, vermittelt amerikanische Fahrkultur und ist ein waschechter Jeep. Doch um Geschichte zu verstehen, sollte man sie am besten erfahren. Und diese Tour mit dem Ami-Vierzylinder hat Spaß gemacht.

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