Auto-Bediensysteme im Test
Wenn der Anruf zum Blindflug führt

Moderne Assistenzsysteme bieten eine Fülle von Funktionen. Doch wie komplex darf die Bedienung eines Autos sein, ohne gefährliche Situationen zu provozieren? BMW, Audi und Mercedes im wissenschaftlichen Praxistest.
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Ranshofen/Stuttgart„Wie komme ich jetzt wieder zurück?“ fragt Maria Ullmann (57) nach der Auswahl eines falschen Buchstabens bei der Eingabe des Gesprächspartners aus dem Handy-Telefonbuch und dreht ihren mit zwei „Eyetracking- Kameras“ – zur Bestimmung der Blickrichtung – bestückten Kopf bittend nach hinten. David Wilfinger, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Salzburg, sitzt lächelnd auf der Rückbank, schweigt jedoch und schaut auf die Stoppuhr.

Nach ein paar Drehungen am zentralen Bedienknopf findet die Testteilnehmerin die gesuchte Lösch-Funktion doch selbst und kann die Eingabe fortsetzen. Abgespielt hat sich diese Szene auf dem Testgelände des Automobilzulieferers Audio Mobil im österreichischen Ranshofen im Rahmen einer sogenannten „Autoklinik“. Ziel der klinischen Untersuchung war die Schnittstelle Mensch-Maschine (englisch: Human-Machine-Interface, kurz: HMI) in modernen Pkw – sprich die immer komplexer werdende Bedienung im Auto.

Ist das ausufernde Angebot noch vertretbar?

Vor dem Hintergrund, dass Autos immer mehr zu fahrenden Multi-Media-Centern ausgebaut werden, wollten der Auto Club Europa (ACE) und sein österreichischer Partnerclub ARBÖ wissen, ob das ausufernde Infotainment-Angebot im Auto vertretbar ist – oder eventuell Unfallgefahren heraufbeschwört. Kompetenter Partner auf wissenschaftlicher Seite: das Christian-Doppler-Labor der Universität Salzburg.

Angefangen hat es ganz einfach mit einem Radio: Drei bis fünf Stationstasten standen zur Verfügung, der Sender wurde durch Drehen am rechten Frequenzknopf eingestellt und durch kurzes Ziehen und anschließendes Drücken einer Stationstaste abgespeichert – fertig! Inzwischen erfordert der zeitgemäße Audio-Genuss das intensive und aufwendige Studium dicker Anleitungen: Radio und CD-/DVD-Wechsler werden nicht mehr am Gerät selbst bedient, sondern über einen zentralen Dreh-/Drücksteller in der Mittelkonsole und ein großes Zentraldisplay im Armaturenbrett.

Mit Sender- oder CD-Auswahl ist es dann längst noch nicht getan: Natürlich kann man auch externe Geräte wie MP3- Player, USB-Sticks oder ganz einfach das Handy bzw. Smartphone anschließen und die dort gespeicherte Musiksammlung anhören. Oder: man speichert CDs gleich auf der zur Audioanlage des Autos gehörenden 60-Gigabyte- Festplatte ab.

Dieses Abspeichern von Musikdateien samt Sortieren in Ordnern ist natürlich während der Fahrt möglich. Ebenso wie das Bedienen eines Navigationsgeräts: Zieleingabe über Adresse oder Sonderziele, Auswahl der Routenführung – schnellste oder kürzeste Strecke, mit oder ohne dynamische Routenführung, mit oder ohne Mautpassagen oder Fähren …

Auch das Auto selbst kann während des Fahrens neu „programmiert“ werden: Soll die Zentralverrieglung nach dem Losfahren automatisch schließen, wie lange soll die „Follow-me-Home-Beleuchtung“ nach dem Abschließen leuchten, soll das Fahrwerk sportlich-straff oder komfortabel federn? – die Auflistung der Einstelloptionen, die bei modernen, aufwendig ausgestatteten Pkw- Modellen während des Fahrens bedient werden können, ließe sich fast endlos fortsetzen. Und ein Ende dieser Bedienkomplexität zeichnet sich nicht ab – im Gegenteil: Inzwischen ist das Internet im Auto angekommen, dass wir in Kürze eventuell unsere E-Mail- Korrespondenz bei Tempo 160 auf der Autobahn – oder noch erschreckender: innerorts bei Tempo 50! – erledigen können, wirft endgültig die Frage nach der Bedien-Komplexität beim Autofahren auf.

Was ein Handy-Anruf bei Tempo 130 bedeutet

Kommentare zu " Auto-Bediensysteme im Test : Wenn der Anruf zum Blindflug führt"

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  • Ich kann nur sagen: Testen Sie den Prius (dort gibt's Sprachwahl schon seit 2006). Außerdem sind z.B. Neuprogrammierung des Navi während der Fahrt unterbunden. Vorbildlich !

  • Meines erachtens nach braucht es keine Untersuchung, um diese Binsenweisheit zu belegen: So komfortabel diese ganzen elektronischen Annehmlichkeiten auch sein mögen, sie sind brandgefährlich, da sie selbst geübte Autofahrer unweigerlich vom Verkehrsgeschehen ablenken. Ich möchte nicht wissen. wie hoch die Dunkelziffer der durch Ablenkung verursachten Unfälle ist. Die Autohersteller wollen dieses Zubehör natürlich verkaufen und exkulpieren sich mit einem Satz in der Bedienungsanleitung.
    Als jemand, der auch Flugzeuge bewegt weiß ich, wie leicht man sich vom Geschenen außen ablenken läßt, wenn man mit den Systemen im Cockpit beschäftigt ist - mit dem kleinen Unterschied, daß es verzeihlicher ist, einmal 20 oder 30 Meter nach links oder rechts vom Kurs abzuweichen und man nicht in den Vordermann kracht, wenn dieser abprupt bremst.

    Im Grunde genommen hilft hier nur eines: abrüsten oder die Bedienung "entkomplizieren".

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