Autonomes Fahren
Wenn das Auto mit dem Menschen spricht

Wenn Computer das Lenkrad übernehmen, beobachten sie genauer als Menschen, analysieren anders, kennen weder Wut noch Scham. Problematisch wird das ganze, wenn sie sich als einzige an die Regeln halten.

TokioWenn das Auto auch in der Stadt alleine fährt, wird ein Thema besonders wichtig: Wie teilt die Maschine ihre Absichten anderen noch analogen Verkehrsteilnehmern mit? Denn besonders im Nahkampf taxieren beispielsweise Fußgänger (wenigstens in Japan oder Deutschland) per Augenkontakt, ob der Fahrer sie gesehen hat und anhalten wird, oder nicht. Oder der eine Fahrer gibt dem anderen mit einem Wink zu verstehen, dass der zuerst über die Kreuzung fahren solle.

Auch auf der Tokyo Autoshow spielt dieses Thema daher eine Rolle. Der Technikkonzern Mitsubishi Electric schlägt vor, die Bewegungsrichtung oder das Öffnen der Türen mit bewegenden Lichtprojektionen auf die Straße zu verdeutlichen.

Fährt der Fahrer an, leuchten vor dem Auto in Fahrtrichtung weiße dreieckige Lichtrippel auf, beim Bremsen oder Rückwärtsfahren rote Wellen. Auch das Abbiegen oder das Öffnen der Türen soll so angezeigt werden.

Nissan stellte wiederum sein IDS (Intelligent Driving System) vor, dass laut Nissan-Chef Carlos Ghosn „Beziehung zwischen Auto und Fahrer revolutionieren wird". Das Konzept geht davon aus, dass der Fahrer entscheiden kann, wann er selbst fährt oder nicht.

Doch auch bei einer Handsteuerung wird das Auto dem Menschen über die Schulter gucken, das Fahrverhalten seiner Meister lernen und – im Rahmen gesetzlicher Regelungen versteht sich – bei autonomer Fahrt nachahmen.

Darüber hinaus versucht Nissan, dem Auto nonverbale Kommunikation mit der analogen Außenwelt beizubringen. „Das Auto muss sich sozial akzeptabel verhalten“, erklärt Liam Pedersen, Projektleiter am Nissan Research Center im Silicon Valley. Dazu gehört, dass die anderen Verkehrsteilnehmer verstehen, was das Auto will, und ihm vertrauen.

Das Problem: Das Auto wird sehr viel mehr wahrnehmen als ein Mensch. Aber wie zeigt es dies seiner Umwelt? So spielen die Forscher mit der Idee, Personen im Umfeld des Autos mit einem Lichtband anzuzeigen, wen das Auto erkannt hat.

Das Leuchten wird genau dort stärker, wo der Mensch sich befindet. Und mit der Bewegung von Mensch oder Maschine wandert der Leuchtpunkt mit.

Außerdem experimentieren die Forscher mit einem Display in der Frontscheibe, in dem das Auto seine Absicht schriftlich mitteilen kann. In Japan wäre vielleicht auch eine sprachliche Kommunikation vorstellbar. Denn in dem ostasiatischen Inselreich warnen Busse schon heute verbal beim Abbiegen oder Rückwärts fahren.

Darüber hinaus studieren die Forscher die Verkehrskulturen in verschiedenen Ländern. Denn das Roboterauto muss sich an die verschiedenen Umgangsformen anpassen können. Ein noch offenes Problem dabei ist das Verhältnis zwischen Verkehrsregeltreue und Regelbeugung.

„Die Diskussion muss noch geführt werden, wann das Auto die Regeln aus ethischen Gründen beugen oder brechen kann“, meint Nissans Forscherin Melissa Cefkin. Darüber hinaus ist die Frage, wie sich das Auto in sozial akzeptierten Grauzonen verhalten soll, damit es nicht durch übergenaue Regeltreue zum Störenfried im Verkehr wird.

Nissans Senior Vice President Takao Asami glaubt daher sogar, dass das die Frage der Geschwindigkeitsbegrenzung neu beurteilt werden könnte, wenigstens in Japan. Bei einem Test des autonomen Leaf kam die regeltreue Fahrt sogar den Ordnungshütern als zu langsam vor, erinnert er sich. „Wenn nur das autonome Fahrzeug alle Verkehrsregeln einhält, ist es vielleicht nicht so gut.“

Martin Kölling, Handelsblatt-Redakteur und Korrespondent in Tokio. Quelle: privat
Martin Kölling
Handelsblatt / Asien-Korrespondent
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