Bentley Continental GT V8 S: Lord Geizkragen im Temporausch

Bentley Continental GT V8 S
Lord Geizkragen im Temporausch

Erst zu geizig für einen Zwölfzylinder, und dann Nachschlag verlangen: Weil schon jeder zweite Bentley-Kunde seinen Continental mit V8 bestellt, gibt es das Einstiegsmodell jetzt auch in einer schärferen Version.
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Darf’s ein bisschen mehr sein? Diese Frage hört man jetzt nicht nur beim Metzger um die Ecke. Sondern das könnte einem künftig auch der Bentley-Händler seines Vertrauens entgegnen. Denn nachdem der neue V8-Motor im Continental so gut ankommt, dass er binnen eines Jahres bereits einen Verkaufsanteil von etwa 50 Prozent erreicht, legen die Briten jetzt noch einmal nach: Für alle Sparbrötchen, die sich den 575 PS starken und 188.972 Euro teuren Zwölfzylinder nicht leisten wollen, gibt es deshalb ab Juni für geschmeidige 10.000 Euro Aufpreis als Sahnehäubchen für den Achtzylinder eine neue S-Version.

Im Coupé 180.285 und im Cabrio 198.373 Euro teuer trägt Lord Geizkragen im Temporausch nicht nur eine dezente Kriegsbemalung mit einem Grill in schwarzer Hochglanz-Optik und neuen Schürzen an Front und Heck. Sondern vor allem gibt es ein bisschen mehr Kraft und einen kernigeren Klang für den Motor.

Der aus Ingolstadt importierte Achtzylinder kommt mit neuer Software auf dem Chip und mehr Druck in den beiden Turboladern jetzt auf 528 statt 507 PS und legt beim Drehmoment noch einmal 20 Nm zu. So kommt er auf 680 Nm, die selbst einen 2,3 Tonnen schweren Luxusliner plötzlich ganz leicht werden lassen. Vor allem, wenn der Drehmomentverlauf nicht an einen zackigen Alpengipfel erinnert, sondern an den Tafelberg: Ein kurzer steiler Anstieg und dann Durchzugskraft ohne Ende.

Fast unmittelbar jenseits des Leerlaufs setzt deshalb ein Schub ein, der seinesgleichen sucht. Mit schier unerschöpflichem Nachdruck stürmt der Continental GT voran, erreicht nach 4,3 Sekunden Tempo 100 und hat beim Zwischenspurt auf der linken Spur noch so viel Luft, dass man ihm die maximal 309 km/h auch unbesehen glaubt. Dass der Luxusliner 2,3 Tonnen wiegt, spielt da plötzlich keine Rolle mehr.

Und dass er mit seinem riesigen Bug alles andere als schnittig ist, kann man bei so viel Kraft im Rücken auch vernachlässigen. Das gilt allerdings auch für den Normverbrauch. Auf dem Prüfstand mögen die 10,6 Liter ja vielleicht für 100 Kilometer genügen. Doch in der Praxis reicht so viel Sprit kaum für die Hälfte der Strecke.

Natürlich gibt es auch andere Dickschiffe vom BMW M6 über den Maserati Granturismo bis hin zum Mercedes CL. Und alle haben sie mehr Power als man je brauchen wird. Doch was am Continental GT so beeindruckt, ist die mühelose und so unglaublich kultivierte Kraftentfaltung. Wäre da nicht dieses böse Knurren aus dem neuen Sportauspuff, man würde auch dem V8S-Modell seinen Antrieb gar nicht abnehmen.

Viel hilft viel – für die Längsdynamik und mit ihr die Sprintqualitäten eines Autos gibt es keine bessere Regel. Doch je schmaler die Straßen je enger die Kurven werden, desto deutlichen spürt man, dass auch Bentley die Physik nicht vollends überlisten kann. Auch wenn das S-Modell mit der Tieferlegung um einen Zentimeter, dem stärkeren Sturz an der Vorderachse, den festeren Federn und den härter abgestimmten Aktiv-Dämpfern spürbar straffer ist, die Bindung zwischen Fahrer und Fahrbahn etwas enger schnürt und sich damit ein wenig leichter die Ideallinie entlang führen lässt, schleppt er einfach eine ungeheure Last mit sich herum, die in jeder Kehre nach außen drängt.

Wer es wirklich wissen will mit diesem  Wagen, der fordert von Allradantrieb und Stabilitätskontrolle so manches ab – und hat am Ende trotzdem schweißnasse Hände, wenn er die Serpentinenstraße wieder unten ist. Aber nicht vor Angst, sondern vor Aufregung, weil so ein Parforceritt tatsächlich das Blut in Wallung bringt.

Zwar sind die Fahrleistungen besser als bei manchem Sportwagen und mit dem spürbar strammer Abgestimmten Fahrwerk und den riesigen Keramikbremsen kaschiert der Continental bei der Kurvenhatz sogar ein Gutteil seines stattlichen Übergewichts. Doch wer sich in Coupé oder Cabrio umschaut, der will kaum glauben, dass er in einem Ferrari-Fighter sitzt: Opulente Sessel mit feudalem Leder, tief glänzende Echtholz-Konsolen, schwerer Zierrat aus Metall und die liebgewordenen Orgelzüge für die Lüfterdüsen – der Continental V8S ist so vornehm ausgeschlagen, dass man an Schweiß auf der Stirn und Adrenalin im Blaut kaum denken mag. Das mag zwar die Bestimmung dieses Bentleys sein.

Aber man geht ja auch nicht im nassgeschwitzten Jogging-Anzug ins Ritz-Carlton. Selbst wenn man dafür so viel bezahlt hat wie manch anderer für einen neuen Kleinwagen. Aber nur weil der V8 bei Bentley das Einstiegsmodell ist und der V8S einfach draufgesattelt wurde, hat ja niemand gleich von einem Schnäppchen gesprochen. Selbst schuld, wenn es mal wieder ein bisschen mehr sein muss.

Technische Daten
Zweitüriges Coupé der Luxusklasse; Länge: 4,81 Meter, Breite: 1,94 Meter, Höhe: 1,39 Mete, Kofferraumvolumen: 358 Liter; 4,0-Liter-V8-Benziner-Turbo-Direkteinspritzer, Achtgang-Automatik-Getriebe, 389 kW/528 PS, max. Drehmoment: 680 Nm, Vmax: 309 km/h, 0-100 km/h: 4,3 s, Normverbrauch: ca. 10,6 Liter/100 km, CO2-Ausstoß: 246 g/km; Preis: ab 180.285 Euro.

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