Concorso d'Eleganza
Die Guten sterben alt

Für Freunde klassischer Automobile ist der Concorso d'Eleganza in Como das, was für Filmfans die Oscar-Nacht ist. Unser Autor, Helmut Werb, hat sich in einen 30 Jahre alten weißen BMW M1 gesetzt und versucht, sich unter das hochkarätige Automobilvolk zu mischen.

Nein, nein!“ wiegelt Brian Hoyt heftig ab, der 1937er Delahaye 135M gehöre ihm nicht, er habe die himmelblaue Schönheit nur in seiner Werkstatt in Hayward bei San Francisco restauriert. Der Besitzer, ein in Sammlerkreisen wohlbekannter Kalifornier namens Peter Mullin, hätte ihn samt Fahrzeug entsandt, um den Großen Preis des Concorso d’Eleganza einzuheimsen, der alljährlich in der Villa d’Este für die schönsten Automobil-Klassiker ausgelobt wird.

Peter Kalikow aus New York flog seinen Ferrari 250GT aus dem Jahr 1958 – inklusive der offensichtlich notwendigen vier Mechaniker – dann doch lieber selber ein, zu groß ist für ihn der Spaß, das mehrere Millionen Euro teure Prachtstück über den standesgemäß knirschenden Kies vor der Villa zu chauffieren. Spaß – bevorzugt von jenen, die es sich erlauben können – gehört in der Villa d’Este seit Jahrhunderten zum Programm der wohlbetuchten Patronage.

Immerhin baute vor über 200 Jahren die Primaballerina Vittoria Peluso nach dem ach so abrupten Tod ihres Gemahls (eines ältlichen, aber ungeheuer reichen Marqueses) ihrem neuen Liebhaber, einem feschen napoleonischen General, eine kleine „Soldatenspielwiese“ in den Fels hinter dem Palast, eine veritable Festungsanlage, über die sich nicht nur die besuchenden Amerikaner wundern. Einige Generationen später machte die Villa dann dem Begriff „Lustschloss“ alle Ehre. So was verpflichtet, in vielerlei Hinsicht.

Da will man mal dabei sein, mittun dürfen auf der Spielwiese derer, denen die Anschaffung eines 36er Hispano-Suiza nur ein kurzes Zucken abverlangt bei der Auktion von Barret-Jackson in Arizona. Weshalb ich am Steuer eines weißen BMW M1 sitze – des Urbilds des alltagstauglichen Supersportwagens, 30 Jahre alt, 1 140 Millimeter hoch – und auf dem Weg bin nach Como, zum Concorso.

Dieses Jahr wird er zum 79. Mal durchgeführt, immer im Frühling, wenn harsche Witterung dem hochpolierten Lack edler Oldtimer nichts mehr anhaben kann, immer in der Villa d’Este, einem der schönsten Hotels der Welt. Zu gerne würd’ ich schon teilnehmen an jenem Spektakel, den M1 der rühmlichen Jury präsentieren – immerhin wurden lediglich 460 gebaut und für ein einigermaßen passables Modell muss man allein 150 000 Euro hinblättern.

Als Teilnehmer kamen lange Zeit nur Leute in Frage, die beim gegenseitigen Kennenlernen in der prachtvollen Lobby nie, aber auch niemals solch prolliges Zeug wie eine Visitenkarte zücken mussten. Man kennt sich, tauscht sich freundschaftlich aus über das herrliche Wochenende neulich in den Hamptons, über den Ärger mit dem neureichen Nachbarn ob dessen grässlich lauten Learjets.

Die Herren diskutieren über den neuen Rolls (nein, natürlich nicht den 25er Silver Ghost, der in der Kategorie „Statussymbole der 1920er“ mitmacht, sondern über das Phantom Coupé, das von Rolls-Royce demonstrativ auf dem Rasen vor der Villa aufgebockt wurde). Oder dass der Concorso auf Amelia Island ganz nett war, aber – wie soll man sagen – doch nicht ganz unser Stil. Aber wir sehen uns ja in Pebble Beach? Da geht’s dann wieder gesitteter zu. Und – ich habe es selbst erlebt – man klopft sich auf die Schulter, ganz jovial, wenn Lord March, der jedes Jahr im September auf sein englisches Schloss zum verrückten Goodwood Revival lädt, sich lächelnd darüber auslässt, dass man sie doch verdammt gerne sähe, die „cousins“, wie die Engländer die Freunde aus Amerika gerne nennen, Geldadel zwar nur, aber „jolly nice boys, indeed“.

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