Datentransfer im Auto
„Unkontrollierte Bewegungs- oder Verhaltensprofile“

Die Autohersteller rüsten technisch auf. Aber was bringen Internetautos für den Datenschutz? Im Interview warnt Technik-Experte Jürgen Bönninger vor rollenden Spionen und fordert klare Vorgaben durch die Politik.

Herr Bönninger, Anfang März hat die Europäische Union nach langen Debatten neue Vorgaben für die Automobilindustrie verabschiedet. Demnach müssen Neuwagen von April 2018 an in der Lage sein, bei Unfällen automatisch einen Notruf zu senden, Eine gute Sache, oder?
Ja, auf jeden Fall. Das sogenannte eCall-System verkürzt die Zeit bis zum Eintreffen der Rettungskräfte und wird deshalb Menschenleben retten. Zugleich zeigt die Entwicklung aber, dass wir angesichts des technischen Fortschritts dringend moderne Datenschutzstandards für die Automobilindustrie brauchen. Schließlich können vernetzte Autos über Notrufe hinaus eine Vielzahl von Informationen nach außen übermitteln, was einige Hersteller gerade auf der IT-Messe CEBIT eindrucksvoll demonstriert haben. Auf die Gefahr, dass unkontrolliert Bewegungs- oder gar Verhaltensprofile erstellt werden, muss der Rechtsstaat reagieren.

Welche Standards fordern Sie?
Datensicherheit und Datenschutz müssen in der Automobilindustrie denselben Stellenwert bekommen wie Verkehrssicherheit und Umweltverträglichkeit. Das Thema muss bereits bei der Konstruktion und Herstellung von Kraftfahrzeugen berücksichtigt werden – und zwar auf Basis klarer rechtlicher Vorgaben, zum Beispiel für die Zulassung zum Straßenverkehr.

Experten sprechen diesbezüglich von „Privacy by Design“. Was heißt das konkret?
Besonders wichtig ist, dass sämtliche personenbezogenen Daten – also zum Beispiel Informationen über den Standort oder die Fahrweise – in einem gesonderten Speicher erfasst werden und das Auto nur verlassen dürfen, wenn der Fahrer vorher explizit zustimmt.

Das klingt nach einem hohen technischen Aufwand für die Hersteller.
Nein, der Aufwand ist überschaubar – zumal moderne Autos schon jetzt über großzügige Anzeigemöglichkeiten im Cockpit verfügen. Dort können relativ problemlos Datenschutz-Einstellungen integriert werden, die Fahrern einen schnellen und verständlichen Überblick verschaffen, welche Daten ihr Auto erfasst, speichert oder übermittelt. Die Standard-Einstellungen, mit denen Fahrzeuge ausgeliefert werden, müssen sich dabei am Prinzip der Datensparsamkeit orientieren. Das heißt, dass nur Daten gespeichert werden, die unbedingt nötig sind. Zudem müssen Fahrer sie jederzeit löschen können.

Und wenn Autofahrer freiwillig mehr Daten preisgeben wollen? Viele Menschen haben schließlich kein Problem damit, maßgeschneiderte Werbung zu erhalten – etwa für Restaurants am Rande der Strecke, die sie abends regelmäßig fahren.
Dann sollten sie die Einstellungen an ihre Bedürfnisse anpassen können – bequem übers Display. Damit sie genau wissen, was mit ihren Daten geschieht und welche Risiken bestehen, sollten Hersteller und Verkäufer aber zu einer umfassenden Aufklärung verpflichtet werden.

Das klingt nach mehr Bürokratie. Muss das wirklich sein?
Aktuelle Studien zeigen, dass die meisten Autofahrer sich unbeobachtet fühlen wollen. Ich bin deshalb überzeugt: Wenn die Menschen ihr Auto als rollenden Spion wahrnehmen, wird es den Herstellern kaum gelingen, Akzeptanz für Innovationen zu schaffen. Deshalb sind Transparenz und ein klarer Rechtsrahmen für Datenerfassung und –nutzung im ureigensten Interesse der Automobilindustrie. Das Beispiel eCall belegt übrigens eindrucksvoll, wie wichtig dieser Aspekt ist: Umfragen zufolge befürwortet eine große Mehrheit der Deutschen das System – gleichzeitig sind sie jedoch verunsichert und fürchten, keine Kontrolle mehr über ihre Daten zu haben.

Wie reagieren die Hersteller?
Trotzdem dürften sich die Hersteller mit Händen und Füßen gegen eine strenge Regulierung wehren. Schließlich locken lukrative Zusatzgeschäfte mit dem Verkauf oder der Nutzung der Daten. Denn nicht nur Werbeunternehmen sind interessiert, sondern auch Werkstatt-Ketten und Versicherer. Diese beiden Beispiele zeigen, dass wir hier nicht nur über informationelle Selbstbestimmung oder personalisierte Werbung reden. Die Weitergabe ihrer Daten kann darüber hinaus ganz konkrete wirtschaftliche Nachteile für Kunden haben. So hebelt es den Wettbewerb aus, wenn Autohersteller Daten exklusiv an den bestimmte – zum Beispiel konzerneigene – Werkstattketten übermitteln. Das führt langfristig zu einem höheren Preisniveau, Kunden zahlen also drauf. Auch die Weitergabe von Daten an Versicherer sehe ich kritisch.

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