Der niederländische Architekt Ben van Berkel
Der mit dem Beton tanzt

Wo ist Ben van Berkel? Die Frau an der Infotheke - ratlos. Und seine Bauleiter? Die haben ihn am Morgen gesehen. Doch jetzt ist früher Nachmittag. Überall im neuen Stuttgarter Mercedes-Museum wuseln Bauarbeiter in Arbeitsklamotten herum, aber weit und breit ist kein Architekt im Anzug zu sehen.

STUTTGART. Wie immer läuft es dann über das Büro in Amsterdam. Marije, van Berkels Assistentin, ruft an und weiß: "Ben ist im Museum, er sitzt unten im Restaurant." Die Zeit, der Raum, die Freiheit. Unterwegs sein. Die Hälfte der Woche ist Ben van Berkel auf Reisen. Neun Projekte in aller Welt betreut der niederländische Stararchitekt gleichzeitig, der von sich sagt: "Ich könnte niemals nur an einem Ort leben."

Ein Weltreisender ist er, einer, der sich am liebsten auf Englisch unterhält und manchmal über sich selbst verwundert ist, wenn er zwischendurch in seine Heimat Amsterdam zurückkehrt, denn: "Das Schönste an Amsterdam ist der Flughafen." In Stuttgart hat er gerade sein Meisterstück abgeliefert, so makellos, dass selbst Architektur-Kritiker wie Hanno Rauterberg aus dem Staunen nicht mehr herauskommen: "Das Mercedes-Museum taugt zum Signalbau", sagt er.

Der monumentale Bau in Stuttgart-Untertürkheim ist Berkels großer Wurf, ein Raumschiff, das mit seinen ineinander verschlungenen Spiralen im Innern an eine Doppelhelix der DNA aus dem Zellkern erinnert, die van Berkel "als Metapher für die Erbanlagen der Marke" sieht. Ein Haus, weitläufig genug, um dort Autorennen zu veranstalten.

Schmal sitzt der 49-Jährige im Restaurant des Baus, im feinen Anzug, darunter ein dezent schwarz-weiß gepunktetes Hemd. Immer in Bewegung ist er und doch sehr präsent. Kaffee trinke er daher nur in kleinen Dosen, daumennagelbreit, wie er mit zwei Fingern anzeigt. "Ich habe selbst viel Energie."

Er jongliert mit Architektur-Begriffen, wirbelt ästhetische Kategorien und Formen durch das Gespräch. Doch wie kann man neue architektonische Modelle wirklich erklären? Schnell greift er zu irgendeinem Stift, zeichnet das Symbol für Unendlichkeit auf die Rückseite eines Blattes. Bauen im digitalen Zeitalter heißt für ihn, Design-Modelle zu entwickeln, die an die unterschiedlichen Projekte angepasst und dabei weiterentwickelt werden. Das Unendlichkeits-Zeichen entspricht einem dieser Denkmuster.

In Stuttgart sollen sich die Besucher ellipsenförmig in einer abwärts fallenden Zeitspirale durch die Ausstellung bewegen. So will er den Besuchern viel Freiheit geben: "Sie sollen selbst entscheiden, was sie machen" - und leicht zwischen den Stationen wechseln können.

Nie spricht sein Erbauer von einem simplen Automuseum, sondern: "Es ist ein neuer Typ von Kultur- und Kunst-Museum." Daimler-Chrysler hat sich allein den Bau 100 Millionen Euro kosten lassen, am 19. Mai wird es eröffnet. Die äußere Hülle des Baus, die legendären Objekte vom Silberpfeil bis zum Mercedes Simplex, die von HG Merz gestaltete Zeitreise durch die Geschichte des Autos, die High-Tech-Stationen mit akustischen Führern und Informations-Vitrinen - das alles soll im Zusammenspiel zum Gesamtkunstwerk werden.

Große Architekten sind heute internationale Stars. Doch die Liga, in der Frank Gehry, Rem Koolhaas, Daniel Libeskind, Herzog & de Meuron oder Zaha Hadid spielen, kann begabten Nachwuchs immer gebrauchen. Schon als Kind wollte van Berkel Architekt werden, war fasziniert von allem, was sich aus dem Boden heraus in die Höhe emporrankt. Brücken zum Beispiel. Bekannt wurde er 1996 denn auch durch den grandiosen Entwurf der Erasmus-Brücke in Rotterdam, die in einem kühnen Schwung von 800 Metern über die Maas führt. Mobilität fasziniert den Nachfahren eines Seefahrervolkes, der vor zwei Jahren in Genua den alten Hafen umgestaltete und zurzeit den Arnheimer Bahnhof umbaut.

Doch mehr als das Große, Monumentale fasziniert ihn die Verbindung von Architektur, Kunst und Design. Gerne würde er wieder kleinere Projekte konzipieren, Wohnhäuser zum Beispiel, wie das in einer Schleifenstruktur verschlungene Möbius-Haus in der Nähe von Amsterdam.

Und weiterhin für die italienische Designfabrik Alessi Teller und Gläser entwerfen. Oder Sofas für den Möbelhersteller Knoll. Nach dem Stuttgarter Projekt sei das nicht ganz einfach, sagt er. Zu begehrt sei er plötzlich nach diesem Großprojekt.

Van Berkel gilt als der Künstler unter den Architekten. Digital-Moderne nennt die Branche seinen Stil, den er mit seiner Frau Caroline Bos entwickelt hat. An der Städelschule in Frankfurt, wo er die Architekturklasse leitet, ermutigt der Professor seine Studenten, früh ihren eigenen Weg zu gehen. "Ich möchte, dass sie Design-Modelle entwickeln und lernen, mit eigenen Ingredienzen zu arbeiten. Sie sollen lernen, hinter die Collage zu blicken." Die jungen Architekten sollen sich zwar von Kunst und Design beeinflussen lassen, jedoch einen eigenen architektonischen Anspruch entwickeln.

Den hat Ben van Berkel früh für sich definiert. Anregungen holt er sich vom Philosophen Peter Sloterdijk, aber auch aus Management-Büchern, in denen er sich über Mitarbeiter-Führung informiert. "Für die Dynamik im Büro ist es gut, Leute zusammenzubringen, die gegensätzlich sind", sagt er.

In den 90ern hat er sein Büro namens "UN-Studio" umgebaut, Teams gebildet und ihnen spezielle Aufgaben zugewiesen. "Ich bin kein Baumeister, sondern der Dirigent, der ein Orchester leitet." Nur so hat er einen ingenieurtechnisch anspruchsvollen Bau wie das neue Museum, das Statiker zur Verzweiflung bringen konnte, realisieren können.

Bei Mercedes heißt es, Ben van Berkel habe den Beton das Tanzen gelehrt. Doch so was will der neue Topstar der Architektur nicht hören, auch wenn er manchmal über die eigene Kühnheit verwundert zu sein scheint: "Ich bin glücklich, dass ich noch derselbe geblieben bin."

Irgendwann im Juli will van Berkel seinen Traum von Kurven und Ellipsen eintauschen gegen die karge Kanaren-Insel Lanzarote. Da, wo sich die Unendlichkeit im Blick auf das Meer wiederfinden lässt.

Hier ist sein zweites Haus, wie er es nennt. Sein Feriendomizil, zugleich eine Art Lebens- und Wohnutopie für unser aller Zukunft. Denn der Architekt ist sicher, dass das Zeitalter der Mobilität für die meisten irgendwann ein Zweit- und Dritthaus oder eine zweite und dritte Wohnung bringen wird. Und dann reisen die Jünger der Mobilität von Haus zu Haus wie weiland Kaiser Barbarossa, der seine Kaiserpfalzen besuchte.

Vita

BEN VAN BERKEL wurde 1957 in Utrecht geboren. Brücken faszinierten ihn schon als Kind. Nach dem Architektur-Studium in Amsterdam und London arbeitete er zunächst in den Büros bekannter Architekten wie Zaha Hadid (London) und Santiago Calatrava (Zürich). Mit 31 Jahren gründete er 1988 zusammen mit der Kunsthistorikerin Caroline Bos ein Architekturstudio in Amsterdam. 1998 erweiterte er es zum einem Studio, in dem Experten aus Architektur, Design und Technik zusammenarbeiten. Das Büro realisiert Projekte, darunter auch Ausstellungen, in den Niederlanden, Korea, Spanien, Italien und Deutschland.

Van Berkel ist für Architektur-Studenten in aller Welt ein Begriff. Er hat Lehraufträge an renommierten Universitäten in London, Harvard und Princeton sowie an der Städelschule in Frankfurt. Ben van Berkel lebt mit Frau und Kind in Amsterdam.

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