Deutsche Hersteller schwenken um
Wie der Strom-Antrieb die Auto-Branche elektrisiert

Irgendetwas ist passiert in den Vorstandsetagen der deutschen Autohersteller. Eine ganze Branche ist elektrisiert - von den neuen Elektro-Antrieben, die Diesel oder Benzin nicht mehr benötigen.
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GenfWas bei der Eisenbahn schon vor Jahrzehnten begann, verbreitet sich jetzt auch bei den Autos. Und nun haben die deutschen Hersteller endlich das Echo des Startschusses gehört.
Noch vor fünf Monaten auf dem Pariser Salon standen die Franzosen frontal gegen die Deutschen. Vor allem Renault trommelte für den Elektro-Antrieb. Vor allem VW und Mercedes wiegelten ab. Der Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA) sah die Stromer erst in ganz ferner Zukunft. Warum sollten denn die Deutschen von den Höhen ihrer Verkaufsrekorde die gefühlte Überlegenheit bei der konventionellen Motorentechnik auch aufgeben?
Derweil setzten aber die Japaner immer mehr Hybrid-Autos ab. Bei Toyota wurde der Prius 2010 sogar das meistverkaufte Modell in Japan. In Genf ist daher der gesamte Stand des größten Autoherstellers der Welt den vielen Hybrid-Modellen gewidmet. Stolz sagt der Präsident von Toyota Europa, Didier Leroy, seine Firma habe in 14 Jahren schon drei Millionen Hybrid-Wagen verkauft. Auch bei Renault ist etwa die Hälfte der ausgestellten Modelle elektrisch. Mehrere derartige Fahrzeuge stehen auch auf dem Honda-Stand.

Chevrolet setzte in den USA zur Jahreswende den Volt auf die Straße, Nissan den Leaf. Beide verkaufen sich gut und sind in Genf für Probefahrten verfügbar.

VW zeigt den elektrischen Bulli
Die deutschen Hersteller setzten sich mittlerweile mit der Bundesregierung in der „Nationalen Plattform Elektromobilität“ zusammen. Sie stellten im Detail fest, wie sehr sie zurückhängen gegen andere Hersteller und deren Regierungen. Sie locken zum Beispiel mit fetten Kaufprämien wie die USA und Frankreich.
Und siehe da: VW zeigt nun den elektrischen Bulli. Er ähnelt dem T1-Bus aus den 50er und 60er Jahren mit seiner Zweifarben-Lackierung in weinrot und silber sowie mit dem großen V auf der Fronthaube. Er wurde gleich zu einem Liebling der Fotografen und Kameraleute.


Die jungen US-Blogger von www.autoblog.com schrieben: „We're big fans.“ Denn mit dem T1 und dem T2 rollten einst die jungen Amerikaner durchs Land. Auch der irische Wirtschaftsjournalist Ferdia O'Dowd sagte: „Toll, das erinnert mich an die 60er Jahre, als die Hippie-Generation damit herumfuhr. Ich hatte auch einen.“ Bislang ist der neue Bulli nur eine Design-Studie für den Salon. Aber so fing der Beetle auch einmal an.

Gleichzeitig holte die VW-Tochter Porsche den hybriden Lohner-Porsche von 1900 aus dem Museum und stellte einen Panamera Hybrid daneben. Seat präsentierte ebenfalls eine hybride Studie, den Ibx. „Die Elektrifizierung des Antriebsstrangs geht in allen Sparten mit großen Schritten vorwärts“, sagt nun sogar VW-Chef Martin Winterkorn. Seine Werbeleute verteilen Broschüren mit dem Titel „Startklar. Der E-Antrieb kommt ins Rollen“.

Konkurrenten der Deutschen sind schon weiter
Doch während VW, Mercedes und BMW vor allem Studien präsentieren, ist die Konkurrenz schon weiter: Vom Volt abgeleitet stellt die andere GM-Tochter Opel den hybriden Ampera vor, der äußerlich zwar dem Prius ähnelt, von der inneren Architektur her aber ein Astra ist. Ab Herbst ist er bei den Händlern. Auch Ford zeigt erste E-Modelle. Selbst Tata, der indische Hersteller, hat ein erstes Elektromodell zum Probefahren in Genf, den Vista.


Peugeot-Citroen verkauft demnächst den ersten Diesel-Hybrid der Welt und gründet mit BMW ein Gemeinschaftsunternehmen für Stromantriebe. Selbst die BMW-Tochter Rolls-Royce zeigt nun eine Elektrostudie. Ebenso hat sich Mercedes bei Stromautos mit Renault verbündet, dem anderen französischen Massenhersteller, alles nach dem Motto: „Wenn Du sie nicht schlagen kannst, schließ' Dich ihnen an.“ Der Smart und die A-Klasse können elektrisch probegefahren werden.
Hybrid, das heißt gekreuzt. Ein Auto, das zwei Motoren hat, einen Benziner und einen Stromer. Falls die Reichweite der Batterie nicht ausreicht, springt der Verbrennungsmotor ein.
Das hat auch den unausgesprochenen Vorteil, dass die konventionellen Motorenwerke und ihre Entwicklungsingenieure nicht schlagartig überflüssig werden. Und die Infrastruktur mit den Tankstellen auch nicht. So ähnlich wie die Ölheizungen ab den 50er Jahren nur nach und nach die Kohleheizungen verdrängten. Und die Gasheizungen seit den 70er Jahren die Ölheizungen.

Bei Neuwagen wird die Elektrifizierung schneller gehen als bei Gebrauchtwagen. Im Bestand ist bislang noch kaum etwas zu spüren. Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamts zeigen, dass im Januar nur 2.307 reine Elektro-Autos zugelassen waren auf deutschen Straßen. Hinzu kamen 37.256 Hybrid-Wagen. Deutlich weniger als Erdgas-Autos: 71.519. Und viel weniger als Flüssiggas-Fahrzeuge: 418.659. Neben 11,267 Millionen Diesel- und 30,505 Millionen Benzin-Autos.
Doch mit dem Autosalon in Genf ist nun sicher: Die Kräfteverhältnisse werden sich dramatisch ändern.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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