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Panzer für einen Rebellen

Für Georg Greve ist heute ein ganz ungewöhnlicher Tag: Der 32-Jährige soll Auto fahren. Und das tut er nur höchst selten, denn er besitzt kein Auto.

HAMBURG. „Normalerweise fahre ich Motorrad oder U-Bahn“, bekennt der Präsident des Verbands Free Software Foundation (FSFE), als er vor seiner Wohnung im Hamburger Osten den Wagen abschreitet: einen Lexus RX 400h, den er heute für das Weekend Journal testen will.

Kaum sitzt Greve hinterm Steuer und hat den Zündschlüssel herumgedreht, taucht schon das erste Problem auf: Kein Motorengeräusch ist zu hören, stattdessen blinkt auf der Anzeige hinter dem Lenkrad „ready“ auf. Greve ist verwirrt – aber das wären erfahrene Autofahrer in diesem Wagen wohl auch. Denn der Lexus hat einen Hybridantrieb, und der startet völlig lautlos per Batterie.

Doch Greve versteht schnell. Schließlich hat er Physik studiert, und so fällt ihm gleich eine Parallele ein: „Ein Staubsauger-Hersteller hat einmal ein lautloses Gerät auf den Markt gebracht“, erzählt er. „Das hat die Kunden so verwirrt, dass das Unternehmen nachträglich noch einen Lautsprecher eingebaut hat, damit das Gerät mehr Krach macht.“

So bleibt auch der Lexus nicht leise: Kaum hat Greve den Wagen aus der Parklücke bugsiert und tritt aufs Gas, macht sich der Benzinmotor mit einem Grummeln bemerkbar.

Geschichten über Technik kommen Greve leicht über die Lippen – er erzählt sie schließlich auch bei der Arbeit. Dann dreht es sich allerdings um Software, denn der 32-Jährige ist der oberste Lobbyist der FSFE.

In dieser Position kämpft Greve für die Verbreitung freier Software. Im Gegensatz zu herkömmlicher Software darf jeder sie weitergeben, verändern und seinen eigenen Bedürfnissen anpassen – das Betriebssystem Linux ist ein prominenter Vertreter dieser Gattung.

Greve sieht seine Idee im Aufwind: „Im vergangenen Jahr ist das Spendenaufkommen, mit dem sich unsere Organisation finanziert, um 50 Prozent gestiegen.“

Mit dem Hybrid-Antrieb erscheint der Lexus ähnlich alternativ wie freie Software. Beschleunigt der Fahrer nur leicht oder hält vor einer Ampel, schaltet sich der Benzinmotor aus. Beim Bremsen lädt ein Generator die Batterie dann wieder auf.

Auf einen kraftvollen Motor muss Greve dennoch nicht verzichten. 211 PS pressen den FSFE-Chef in den Fahrersitz, als er auf der Landstraße vor den Toren Hamburgs aufs Gas tritt. „Das Auto ist flotter, als es die Größe vermuten ließe“, lobt Greve.

Ein verschmitztes Lächeln verrät, dass der silberfarbene Koloss dem 32-Jährigen großen Spaß macht. Auch wenn Greve sonst eher auf Frischluft schwört. Im Sommer ist er auf den Landstraßen im Norden Hamburgs oft mit seinem Motorrad unterwegs – auf dem Weg zum Strand in St. Peter-Ording. Heute nimmt er die Kurven auf vier Rädern kaum weniger rasant als sonst auf zwei. Seine Yamaha hat 110 PS.

Als er den bulligen Lexus gemächlich am Schloss Ahrensburg vorbeilenkt, erzählt Greve noch einmal von seiner Arbeit. Der Kampf gegen die Vorherrschaft der Software von Microsoft und SAP ist für den FSFE-Chef eine ernste Sache. „Wir brauchen einen Bewusstseinswandel“, sagt er, während er mit der rechten Hand energisch aufs Lenkrad schlägt. „Monopole auf dem Software-Markt sind gefährlich. Denn wer den Quellcode nicht kennt und ihn nicht verändern kann, ist einer Software hilflos ausgeliefert.“

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