Drivers Seat
Romeo und Alfa

Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer testet den neuen Alfa Romeo 159: ein Stück in drei Akten.

Prolog in der Hölle:
„Es war die Nachtigall und nicht die Lerche“
(Shakespeare, Romeo und Julia)

DÜSSELDORF. Schwarz war die Nacht, ringsum nur tiefe Ruhe. Der Motor brummt, das Licht springt an. Und von überall her leuchtet es im Alfa Romeo 159 so innigbunt, possierlich und absolut geschmacklos wie auf dem Nürnberger Christkindlmarkt.

Rote, weiße und blaue Lämpchen in größtmöglicher Zahl, allüberall am Armaturenbrett wie am Fahrzeughimmel. Premium, Premium haut den Alfista um. Vor der Nase blinkt’s, das Navi nervt. Und die Einparkhilfe piepst wie eine hyperventilierende Nachtigall. Ja, sind die denn alle narrisch geworden in Arese?

1. Akt:
„An meiner Göttin Glanz will ich mich weiden“
(Shakespeare, ebenda).

Wenn Schrauber zu Poeten werden und teutonische Autotester zu Metaphorikern, dann klingt das ungefähr so: ein Wagen, so schön wie das Azurblau über Ligurien. Der Herzensbrecher mit der starken Schulterpartie. Ein Kühlergrill wie bei einem Latin Lover, mit Zigarette im Mundwinkel. Der Verführer. Der Papagallo. Erotisch, sexy, allerschönste. Etcetera, etcetera. Als wäre der Alfa eine Julia und jeder Mann brünstig. Das Lob kommt ein bisschen zu dick für unseren norddeutschen Durchschnittsgeschmack.

Aber wahr bleibt’s schon. Solche Linien wie beim 159er bekommt Herr Panke einfach nicht hin. Und über Mercedes wollen wir ohnehin lieber schweigen. Vorne, hinten, von der Seite: Die Proportionen stimmen beim Alfa. Und immer wieder fallen den Designern kleine Dinge ein, die wir so noch niemals sahen, zum Beispiel die Rückspiegel.

2. Akt:
„Zu schmeichelnd süß, um wirklich zu bestehen“
(Shakespeare, ebenda)

Eigentlich wollen alle Deutschen lieber Italiener sein. Ah, diese Eleganz! Umgekehrt wollen aber auch viele Italiener heimlich lieber Deutsche sein. Damit endlich mal alles funktioniert!

Womit wir erneut bei der Behauptung wären, dass der neue Alfa Romeo nun endlich, endlich Premium sei. Höchste Qualität, teutonische Technik im italienischen Kleid. Hörten wir schon beim letzten Modell. Und beim vorletzten.

Aber auch in diesem Testwagen rumpelt’s auf Kopfsteinpflaster hinten rechts wie bei Rotkäppchen im Bauch des Wolfs. Zwar fallen uns nicht, wie beim 156er vor einigen Jahren, schon bei der Probefahrt die Plastikteile des Lautsprechers auf die Knöchel. Aber BMW-Qualität?

Nebbich. Was uns Alfistas, die Jünger Sacher-Masochs, aber eigentlich überhaupt nicht stört. Was wäre Romeo ohne seine Degen und ein Guilia-Liebhaber ohne seinen blinkenden Schraubenzieher in der Hand?

3. Akt:
„Träg, unbehilf und wie Blei so schwer“
(Shakespeare, ebenda)

Mit der Sünde kam, wie wir aus dem Alten Testament wissen, die Serienausstattung in die Welt. ESP und ABS, ein Knie-Airbag (!) und elektrische Fensterheber, 17-Zoll-Leichtmetallfelgen und eine Klimaautomatik gehören beim 159er zum Grundpaket. Firlefanz aller übrigen Art listen die Hersteller als Sonderausstattung auf. Wer dort zuschlägt, dem fehlt am Ende das Geld für einen anständigen Motor. Dann dieseln diese Leute mit 88 kW alias 120 PS durch die Gegend und glauben, sie fahren einen Alfa. Guter Witz! Selten so gelacht.

Zwar haben die italienischen Soundkünstler sogar ihren Geiz-ist-geil-Diesel zu einem alfaähnlichen Brummen gebracht. Doch wir Puristen würden uns niemals (niemals!) in einen Wagen setzen, den jeder bessere Golf an der Ampel abhängt.

Ein Sechs-Zylinder mit 3,2-Liter-V-Motor darf es, nein, muss es schon sein. Deshalb plädieren wir schon jetzt dringend für ein Sondermodell: ein nochmals aufgebohrter Motor, Ledersitze und sonst gar nichts! Weder Serien- noch Sonderausstattung, sondern nur Speed.

Epilog im Himmel:
„Du sahst bis jetzt noch wahre Schönheit nicht“
(Shakespeare, ebenda)

Giorgetto Giugiaro. Welch ein Name für einen Designer. Wir wissen nicht, ob der Mann heimlich auch davon träumt, wie einige andere in Arese, lieber Alois Hinterhuber zu sein. Aber auf seinen Strich kann man sich verlassen. Schon beim 159er, aber vor allem beim Sportcoupé Brera, das ab 26. Januar in Deutschland an den Start geht.

Also warten wir lieber auf die pure Unvernunft, als unser Geld für einen schönen Kompromiss zu verpulvern.

Der Fahrer
Name: Bernd Ziesemer
Position: Chefredakteur Handelsblatt
vv Alter: 52 Jahre
Erstes Auto: weißer Käfer mit Schiebedach
Aktuelles Auto: langweiliger Dienstwagen
Traumauto: Ein Blechtretauto der Marke Alfa Romeo für Carlchen
Hobbys: Kunst, Literatur
Fahrstil: Alleine: eilig, mit Kind und Kegel: besonnen

Das Fahrzeug
Modell: Alfa Romeo 159, 2,2 JTS Distinctive,
Vier Zylinder, 2 198 ccm, 185 PSMaße:

Länge 4,66 m
Breite 1,83 m
Höhe 1,42 m
Höchstgeschwindigkeit: 222 km/h
Drehmoment: 230 Nm bei 4 500 U/min
Leergewicht: 1 565 kg
Verbrauch: 9,4 Liter
Grundpreis: 29 900 Euro

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