Test + Technik
Einfach nur fahren

Saatchi & Saatchi-Chef Holger Lutz schildert dem Weekend Journal seine ganz persönlichen Erfahrungen auf vier Rädern, die für ihn die Welt bedeuten

Es muss schon immer in mir gewesen sein. Ohne mein Wissen. Warum sonst hätte ich mir kurz vor dem 18. Geburtstag ein Auto gekauft? Ohne einen Führerschein zu haben. Den gab’s erst einige Wochen später.

Vorausgesetzt, ich nahm die Prüfungshürde. Und so stand er da in der Garage und musste sich gedulden: ein VW-Käfer (was sonst), 1 200 Kubik, 34 PS und noch weniger Kilowatt. In einer Farbe, die Henry Ford niemals zugelassen hätte – Orange.

Naja, Woodstock war noch nicht so lange her und Flower-Power weit vorn. Ein paar Tage später, den grauen Schein sauber gefaltet in der Tasche, konnte es losgehen. Ein Traum auf vier Rädern. Mit der Option innen ganz heiß oder innen ganz kalt. Dazwischen gab es nichts. Dem fest gerosteten Heizungszug sei Dank. Ein Auto für Männer eben.

Ich habe ihn geliebt. Trotz harter Proben. Dazu gehörten Fußmärsche mit dem Reservekanister in der Hand (Reservehebel im Fußraum statt Tankuhr, das hieß: aus den Augen, aus dem Sinn). Und das Befreien der von außen vereisten Windschutzscheibe mit einem Griff durch das kleine Seitenfenster – während der Fahrt.

Trotzdem – oder gerade deshalb: Nachdem seine Zeit gekommen war, hat er mir gefehlt. Danach kamen viele, die ihm nicht das Wasser reichen konnten. Gefühlsmäßig. Ihre Namen habe ich vergessen. Ganz ungewollt und ganz und gar ohne bösen Willen. Sie waren, völlig gegen mein Naturell, nur Vehikel, um von A nach B zu kommen. Bis ich meine Liebe zu Schweden entdeckte.

Und zu Volvo. Oder war es umgekehrt? Ich glaube, beides war untrennbar verbunden. In jedem Fall mehr Herz als Kopf. So ist es halt mit der Autoliebe. Gefühl vor Vernunft. Und das ist auch gut so.

Selbst dann, wenn der Beruf (hier: Werbung im Allgemeinen, Autowerbung im Speziellen) Ernsthaftigkeit diktiert. Nur so entsteht Leidenschaft.

Wie im Fall von Saab. Meiner ersten Automarke, die ich als Kundenberater einer Werbeagentur beruflich betreute. Und die es mir – nicht nur, weil Schweden-Fan – leicht machte, sie ins Herz zu schließen. Denn ich war damals jung genug, um meinem fahrbaren Untersatz Eigenständigkeiten (oder sollte ich nicht besser sagen Eigensinnigkeiten) zu gönnen, die ich heute zumindest befremdlich fände.

Eine Handbremse etwa, die links vom Fahrersitz angebracht war, damit sie nicht von etwas ängstlichen Beifahrern im vermeintlichen Notfall missbraucht würde. Oder ein Zündschloss, das genau dort zu finden war, wo die Handbremse eben nicht war, nämlich zwischen den Sitzen. Mit dem besonderen Kniff, dass der Schlüssel nur zu entfernen war, wenn im Stand der Rückwärtsgang eingelegt wurde.

Lustige Anrufe waren das, wenn ich mein Auto verlieh und vergaß, genau diese Besonderheiten vorher mitzuteilen.

Die Agentur änderte sich, die Liebe zu den Autos aus Trollhättan blieb. Daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, dass es nun galt, den Marken Chrysler und Jeep kommunikativ dabei zu helfen, auf dem deutschen Markt endgültig Fuß zu fassen. Schließlich habe ich in mir ja Platz für mehrere Lieblingsmarken.

Und gibt es Besseres, als die (Auto-)Marken zu mögen, für die man arbeitet? Und umgekehrt.

Dann kam die autolose Zeit. Beruflich zumindest. Windeln und Computer hatten für eine Weile den Vorrang.

Schließlich gibt es für einen Werber ja auch außerhalb der Kategorie Kraftfahrzeuge überaus spannende Aufgaben. Und das Privatleben lässt genug Raum, die Autoleidenschaft nicht nur auszuleben, sondern dabei noch Erfahrungen zu machen, die damals ärgerlich (und teuer!) waren, heute mit zeitlichem Abstand jedoch ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Dazu gehörte zweifellos ein fünfzehn Jahre alter Triumph TR 4, mit (zu) knappem Budget als Alltagsauto erstanden, obwohl der Wagen als solcher mit etwas Überlegung definitiv nicht geeignet war. Liebe macht eben wirklich blind. Und ließ mich darüber hinwegsehen, dass es in dieses Auto nicht nur hineinregnete, sondern auch schneite. Aber als sich eines Tages das Getriebe vom Auto trennte und durch die Heckscheibe gut sichtbar hinten auf der Straße liegen blieb, ließen wir uns scheiden. Mit einer Träne im Auge. Aber mit noch ausreichender Sehkraft, um zu erkennen, dass Verlässlichkeit in einer Beziehung eben auch einen Punkt macht.

Apropos Verlässlichkeit. Das waren sie nun wirklich, die Audi-Autos, die – wir sind nun im Jahr 1998 angelangt – in mein Berufsleben platzten und meine dienstliche Autopause beendeten. Sehr zu meiner Freude. Denn mittlerweile waren sie auch schön, wenn nicht gar sexy. Und der Hut auf der gleichnamigen Ablage war fast schon Geschichte. Der Anfang war also gemacht. Nun galt es, der eher kühlen Ingenieursmarke aus Ingolstadt Wärme, sprich Emotionen, zu geben.

Da kam die Kommunikation für den Audi TT als erster Job gerade recht. Kurz vorher noch als Studie auf der IAA vorgestellt, bestaunt, aber als realitätsfern eingestuft und jetzt tatsächlich fast unverändert zu kaufen. Reine Emotion und ein Glücksfall für jeden Werber auf der Suche nach Differenzierung.

Schließlich gibt es heutzutage keine schlechten Autos mehr. Gefühle machen den Unterschied und führen die Hand bei der Unterschrift unter den Kaufvertrag. Aber auch die Hirne der Werber beim Entwickeln von Fernsehspots, Anzeigen und so weiter

Und so geschah es, dass der Wackel-Elvis das Licht der Welt erblickte und noch heute – als Original oder Kopie – in vielen Autos genau das tut, was er bei einem Multitronic-Getriebe nicht tun würde – nämlich wackeln.

Und so geschah es auch, dass es Audi und Saatchi & Saatchi gelang, Dustin Hoffman davon zu überzeugen, für den A6 noch einmal, ganz gegen alle Regeln, eine Hochzeit zu sprengen. Diesmal, mehr als 30 Jahre nach der „Reifeprüfung“, die seiner Tochter. Nicht für Hollywood, sondern für Ingolstadt.

Ein Beitrag, um weiter am emotionalen Gesicht der Marke mit den vier Ringen zu basteln. Und ganz sicher auch dazu geeignet, gleich die Aus-Taste des Rechners zu drücken und aufzustehen, um dann im Hof das Garagentor zu öffnen und loszufahren. Mit dem TT, für dessen Farbe Henry Ford mich mögen würde (lebhaftes Mausgrau!). Nicht von A nach B, sondern einfach nur so. Aus Spaß und ohne Ziel. Irgendwie ist es immer noch in mir. Aber jetzt weiß ich es.

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