Erster Gang durch das neue Mercedes-Museum
Der Film soll im Kopf ablaufen

Wer sich von Südosten auf der B 10 Stuttgart nähert, fährt kilometerweit am Neckar entlang durch tristes Industriegebiet. Unwesentlich hebt sich das Stammwerk von Mercedes in Untertürkheim von der Umgebung ab. Doch jetzt sticht - wie von einem anderen Stern - das neue achtstöckige Mercedes-Museum als Blickfang aus der Landschaft. Der runde, futuristische Betonbau erinnert an das Guggenheim-Museum in New York.

STUTTGART. Das vom niederländischen Büro UN Studio van Berkel und Bos entworfene Gebäude hat es in sich. Hier wird noch fleißig gehämmert und gebohrt, bis Bundeskanzlerin Angela Merkel am 19. Mai zur Eröffnung kommt. Dann werden drei Aufzüge die Besucher in einer akustischen Zeitreise zunächst in die Gründungszeit des Unternehmens im Jahr 1886 katapultieren. Dort sehen sie die ersten Automobile der Welt von Carl Benz und Gottlieb Daimler. Selbst die Gerüche der legendären Werkstatt im Canstatter Gartenhaus wird simuliert. "Der Film soll im Kopf des Besuchers stattfinden, nicht vorgeführt werden", sagt der renommierte Museumsgestalter HG Merz. 750 000 Besucher erwartet er jährlich.

Das Gebäude ist zwar noch nicht ganz fertig, aber die Fahrzeuge stehen fast alle schon fest an ihrem Platz. Modelle, die das Herz jedes Autofans höher schlagen lassen. Sei es der älteste erhaltene Mercedes Simplex aus dem Jahr 1902, der legendäre Flügeltürer aus den 50er Jahren oder die Rennwagen-Kollektion in einer Steilkurve. In die jeweiligen Ausstellungsetagen gelangt der Besucher durch zwei Rundgänge. Beide Wege sind wie zwei ineinander verschlungene Wendeltreppen angelegt und führen zu den insgesamt zwölf Ausstellungsebenen. Die Doppelhelix hat Architekt Ben von Berkel "als Metapher für die Erbanlagen der Marke" gedacht.

Der Entwurf hat den Bauingenieuren Kopfzerbrechen bereitet. "Hier gibt es keine Ecken", sagt Max-Gerrit von Pein. Der Museumschef lobt den Architekten, er habe dem "Beton das Tanzen beigebracht". Eigentlich sei das Museum gar kein Gebäude, sondern wegen der hohen Traglast mit übereinander gestapelten sechsspurigen Autobahnen vergleichbar. Erstmals könnten auch schwere LKWs ausgestellt werden. Das war im alten Museum nicht möglich.

Daimler-Chrysler stellt den komplizierten Bau in der Rekordzeit von drei Jahren fertig. 100 Mill. Euro kostet allein das Museum. Noch einmal 50 Mill. Euro investiert das Unternehmen in die High-Tech-Bestückung mit akustischen Führern, Informationsvitrinen und Touch-Screen-Bildschirmen. Sicher wird das Museum zu einem medialen Ereignis. Die Gelegenheit zur Tuchfühlung mit den rund 150 Fahrzeugen ist allerdings geringer als im alten Museum.

Die Rundumsicht von der Dachterrasse bleibt nur Gästen besonderer Anlässe vorbehalten. Ein Cafe für die acht Euro zahlenden Besucher ist dort nicht vorgesehen. An begehbare Oldtimer für Kleinkinder zum Erforschen ist bisher zumindest noch nicht gedacht. Aber eines ist sicher: Das neue Museum zusammen mit dem daneben gelegenen Auslieferungscenter geben dem Werk Untertürkheim ein repräsentatives Gesicht. So gesehen kein Wunder, dass Dieter Zetsche die Konzernzentrale vom langweiligen Möhringen nach Untertürkheim verlegt hat.

Martin-Werner Buchenau
Martin-W. Buchenau
Handelsblatt / Korrespondent
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