Fahrbericht Hyosung GV 650i Pro
Zwei Seelen in einer Brust

Hyosung ist mittlerweile mehr als ein Geheimtipp für Biker, die ein robustes Zweirad suchen, das ein gutes Preis-Leistungsverhältnis bietet. Neu im Programm ist die GV 650i Pro - eine Symbiose aus Sportler und Cruiser.
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DüsseldorfDer südkoreanische Motorradbauer Hyosung hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr zum Geheimtipp für diejenigen Biker gemausert, die weniger auf bestimmte Markennamen Wert legen, sondern ein robustes Zweirad suchen, das ein gutes Preis-Leistungsverhältnis und eine ordentliche Ausstattung bietet. Drei 125er und sieben Motorräder zwischen 250 und 700 Kubikzentimeter Hubraum bieten die Asiaten in Deutschland zu Preisen zwischen 3 895 Euro und 7 195 Euro an. Neu im Programm steht nun für 6 690 Euro der Cruiser GV 650i Pro, der die Aquila 650 ablöst.

Wie die Vorgängerin kommt auch die „Pro“ puristisch und ohne großen Schnickschnack daher. Wer allerdings glaubt, die GV böte zu dem moderaten Preis kaum mehr als einen Rahmen mit Motor und zwei Rädern, irrt. Die Ausstattung kann sich beileibe sehen lassen. Eine in Zug- und Druckstufe einstellbare Upside-Down-Gabel führt das Vorderrad, hinten rollt die Maschine auf einem 180er-Reifen und als Sekundärantrieb kommt ein wartungsarmer Zahnriemen zum Einsatz. Ein schönes Detail: zwei positionierbare Fußrasten. So kann der Biker zwischen einer lässigen Easy-Rider-Sitzhaltung mit lang ausgestreckten Beinen und einer eher touristischen Fahrposition wählen.

Zunächst fällt die neue 2-in-1-Auspuffanlage mit dem auf der rechten Seite verlegten Endschalldämpfer ins Auge. Das mächtige Rohr unterstreicht den großen Radstand von 1 670 Millimetern sowie die lange Vorderradgabel. Im Stil der Chopper der 40er Jahre, kommt der Motor der GV in Schwarz daher. Fahrer und Sozius nehmen auf zwei Einzelsitzen Platz, das Heck haben die Designer ganz im Cruiser-Stil neu gestaltet. Der gekürzte Heckfender weist die bogenförmige LED-Leuchteneinheit auf, die Rück- und Bremslicht kombiniert. In den Blinkern geben hingegen schnöde Fadenbirnchen ihr Signal ab.

Die GV fällt mit seinen 650 ccm Hubraum in eine Hubraumklasse, die die Wettbewerber aus Japan nicht mehr bedienen. Bei Honda fährt der kleinste Cruiser mit 750 Kubik durch die Lande, Kawasaki setzt gar auf mindestens 900 Kubikzentimeter, bei Yamaha weist das Minimum 950 Kubik auf. Beim Thema Leistung überflügelt die kleine Koreanerin indes alle. Hyosung nennt die stattliche 239 Kilogramm schwere GV „Sportcruiser“ – was den Charakter der Maschine trifft.

Denn der sportlich ausgelegter Motor verrichtet seinen Dienst im Fahrwerk eines Cruisers. Der Antriebsstrang entstammt nämlich – abgesehen von dem Fünfganggetriebe und der neuen Einspritzung – den tourensportlichen GT-Modellen aus gleichem Hause. Der 650-Kubik-V-2-Motor macht auch keinen Hehl aus seinen Sportler-Genen: 90 Grad Zylinderwinkel, zwei oben liegende Nockenwellen, vier Ventile pro Brennraum und Flüssigkeitskühlung kommen bei Cruisern selten zum Einsatz.

Entsprechend Drehzahl-gierig gibt sich das Triebwerk: Während der Motor im unteren Drehzahlbereich zwar kräftig zu Werke geht, wird im Drehzahl-Oberhaus ein echtes Feuerwerk abgebrannt. Erst bei 195 km/h endet der Vortrieb.

Richtiges Cruiser-Feeling will sich nicht einstellen: Den satten Durchzug aus dem Drehzahlkeller unter dumpfem Auspuffgetöse, wie ihn die Fahrzeuggattung gemeinhin bietet, sucht der Fahrer vergebens. Im Gegenteil: Die Motorcharakteristik animiert zu einer zügigen Gangart. Das verlangt aber viel Schaltarbeit mit dem extrem hakeligen Fünfganggetriebe. Zudem sorgt der Motor dann für heftige Vibrationen im Fahrwerk, die über den Lenker an die Hände des Fahrers weitergeleitet werden.

Allzu flotter Kurvenfahrt setzen die früh aufsetzenden Fußrasten enge Grenzen. Und in Rechtskurven schraddelt der Auspuff funkensprühend auf der Straße, wenn es der Fahrer mit der Schräglage übertrieben hat. Schnelle Wechselkurven fordern angesichts des langen Radstands ein hohes Maß an Körpereinsatz. Die Doppelscheibenbremse am Vorderrad sorgt für eine ordentliche Verzögerung, wirkt aber ein wenig stumpf, während ihr Pendant am Heck ihre Aufgabe mit guter Wirkung und einwandfreier Dosierbarkeit erledigt. Der Verbrauch von rund fünf Litern pro 100 Kilometer auf zügiger Landstraßenfahrt geht dabei in Ordnung.

Unterm Strich stellt die Hyosung GV 650i Pro ein Motorrad zu einem fairen Preis dar, in dessen Brust zwei Seelen wohnen: zum einen ein echtes Sportlerherz mit viel Power, zum anderen das Wesen eines Cruisers mit jeder Menge Lässigkeit und Ausstrahlung. Ob diese Verknüpfung allerdings die eingefleischten Cruiser-Fans zufrieden stellen wird, bleibt abzuwarten. Führerscheinneulinge und Wiedereinsteiger dürften in der GV einen guten Freund finden.

Beurteilung:
Positiv: moderater Preis, einfaches Handling
Negativ: mäßige Verarbeitung, heftige Vibrationen, hakeliges Getriebe

Technische Daten Hyosung GV 650i Pro:

Cruiser mit flüssigkeitsgekühltem Zweizylinder-V-Motor
vier Ventile pro Zylinder
647 ccm Hubraum
Leistung: 54 kW / 74 PS bei 13.000 U/min
max. Drehmoment: 62 Nm bei 9.000 U/min
elektronische Kraftstoffeinspritzung
fünf Gänge, Zahnriemenantrieb
Sitzhöhe 70,5 Zentimeter
Tankinhalt 16 Liter
Reifen vorn 120/70-ZR 18, hinten 180/55-ZR 17
Leergewicht 239 Kilogramm
Höchstgeschwindigkeit: 195 km/h
Verbrauch: 5,3 Liter/100 km
Preis: 6.690 Euro

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