Fahrbericht: Mercedes-AMG GLC 63 S
Mehr Krawall-Kiste als Kraxel-Talent

Von wegen gemütliches SUV: Als AMG-Modell wird der hochbeinige Mercedes GLC zum Spaßmacher, und legt deutlich mehr Wert auf den aufgemotzten Klang als auf Offroad-Fähigkeiten.
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Ein halbes Jahr ist ins Land gezogen, seit Mercedes die stärkste Ausbaustufe seines Kompakt-SUV GLC auf der Auto Show in New York enthüllt hat: den AMG 63. Jetzt endlich gibt der Krawall-Hochbeiner sein Debüt auf der Straße – und kündet schon von weitem sein Kommen lautstark an. Wer das selbst hören will, sollte zuvor allerdings einen Bankberater konsultieren: Für unter 82.705 Euro ist das ab sofort erhältliche Vergnügen nicht zu bekommen, und für das Coupé werden sogar 86.335 Euro fällig.

Anders als manch aufgemotzter PS-Protz anderer Hersteller, stehen die AMG-Boliden eigentlich für eine äußerst breite Spreizung: Hardcore-Sportler auf der einen Seite, noch relativ kommoder Alltagsbegleiter auf der anderen. Denken wir nur an eine AMG-E-Klasse: Bedenkenlos kann man damit vor der Oper vorfahren oder die Oma zum Arzt kutschieren, ohne dass der gleich noch Bandscheiben, Hörapparat oder Nervenkostüm mitbehandeln muss. Gleichzeitig aber läuft die Limousine im Sportmodus zu Hochtouren auf und vollzieht die vielzitierte Verwandlung von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde.

Im Falle des AMG GLC 63 fällt dieser Wandel allerdings nicht ganz so deutlich aus. Das Adjektiv „unbequem“ wäre vielleicht etwas übertrieben, aber von sanftem Dahingleiten kann trotz serienmäßiger Luftfederung nicht mehr die Rede sein; Querfugen, Trambahnschienen und andere Unwirtlichkeiten werden deutlich nach innen durchgereicht. Und auch Lenkung und Gasannahme sind selbst im C-Modus (C = Comfort) merklich schärfer als bei den normalen GLC-Modellen.

Umso erstaunlicher, dass sich das alles noch in bis zu drei Stufen steigern lässt: Sport, Sport+ und beim S-Modell sogar noch ein Race-Modus stehen zur Wahl, und mit jedem Drücken der Fahrprogrammtaste wird der GLC noch einen Tick härter, verbindlicher – und lauter. Letzteres gilt vor allem in Verbindung mit den zwei zusätzlichen Klappen in der AMG-Performance-Abgasanlage, die in den Sportmodi oder per Tastendruck aufgehen und den Sound nochmal deutlich intensivieren.

Klang- und Kraftquelle ist auch im GLC 63 der bekannte, doppelt aufgeladene Vierliter-Achtzylinder, der in der Standard-Version 350 kW/476 PS, und als S-Variante 375 kW/510 PS mobilisiert sowie mit 650 beziehungsweise 700 Newtonmeter Drehmoment eindrucksvoll gegen Reib- und Luftwiderstand antritt. Ob es die gut 8.000 Euro teurere S-Version braucht? Höchstens am Stammtisch, aus Dynamik-Gründen sicher nicht.

Schon der normale 63er schnellt in vier Sekunden auf Tempo 100, nur zwei Zehntel schneller schafft es der S. Die Vmax dagegen ist bei beiden gleich, und natürlich elektronisch begrenzt: Ab Werk ist bei 250 km/h Schluss, gegen Aufpreis sind nochmal 30 Sachen mehr drin. Immerhin: Auch der Spritverbrauch ist mit 10,7 Litern bei beiden Versionen identisch – und in der Praxis hier wie da nicht wirklich realisierbar.

Selbst dann, wenn man regelmäßig im Komfort-Modus die Segelfunktion nutzt, die den Motor zwischen 60 und 160 km/h vom Antriebsstrang abkoppelt, so genug Schwung vorhanden ist.

Viel zu sehr aber animiert der 63er immer wieder zum Gasgeben: Man will dieses tiefe, kraftvolle Brummen hören, nachdrücklich in den engen Sportsitz gepresst werden und das Kribbeln im Magen fühlen, wenn die Neungang-Automatik – im Komfortmodus nach einer kurzen Gedenkzehntelsekunde – runterschaltet, das Aggregat neckisch frotzelt und die gesamte turbo-befeuerte Kraft über alle vier Räder herfällt.

Allrad ist natürlich bei einem Sport-SUV Serie, und zusammen mit einem Hinterachs-Sperrdifferenzial (mechanisch bei den normalen, elektrisch beim S-Modell) sorgt die Technik selbst jetzt im Herbst dafür, dass nahezu die gesamte Power auf die rutschig-nassen Straßen gebracht wird.

Neben den erwähnten, serienmäßigen Sportsitzen wartet der GLC 63 übrigens mit weiteren, teils aufpreispflichtigen AMG-Insignien auf: griffiges Nappa-Leder-Lenkrad, eine spezielle Performance-Ansicht für das Head-up-Display und vor allem reichlich Carbon-Dekor sorgen für sportlichen Anstrich im Interieur.

Von außen fallen vor allem die großzügig dimensionierten Lufteinlässe in der Frontschürze, die breiten Kotflügel und der Panamericana-Kühlergrill auf, der mit seinen Längsstreben nicht nur ein herrlicher Blickfang ist, sondern auch die Brücke zu AMGs Supersportler schlechthin baut: dem GT. Aus dem stammt schließlich auch der Motor.

Mercedes-AMG GLC 63 (Coupé) - Technische Daten: Länge: 4,68 (4,74) Meter, Breite: 2,10 Meter, Höhe: 1,62 (1,58) Meter, Radstand: 2,87 Meter, Kofferraumvolumen: 580 - 1.600 (500–1.400) Liter, Antriebe:
GLC 63: 4,0-Liter-Achtzylinder-Biturbo, 9-Gang-Automatik, 350 kW/476PS, maximales Drehmoment: 650 Nm bei 1.750 - 4.500 U/min, 0-100 km/h: 4,0 s, Vmax: 250/280 km/h, Durchschnittsverbrauch: 10,7 Liter/100 Kilometer, CO2-Ausstoß: 244 g/km, Abgasnorm: Euro 6, Effizienzklasse: E, Preis: 82.705 (86.335) Euro.
GLC 63 S: 4,0-Liter-Achtzylinder-Biturbo, 9-Gang-Automatik, 375 kW/510PS, maximales Drehmoment:700Nm bei 1.750–4.500 U/min, 0-100 km/h: 3,8 s, Vmax: 250/280 km/h, Durchschnittsverbrauch: 10,7 Liter/100 Kilometer, CO2-Ausstoß: 244 g/km, Abgasnorm: Euro 6, Effizienzklasse: F, Preis: 90.976 (94.605) Euro.

Kurzcharakteristik:
Warum: weil die Krawall-Kiste richtig viel Spaß macht
Warum nicht: weil er für den Alltag mitunter zu straff, zu ruppig ist
Was sonst: Jaguar F-Pace SVR oder der kommende Alfa Romeo Stelvio Quadrifoglio

Kommentare zu " Fahrbericht: Mercedes-AMG GLC 63 S : Mehr Krawall-Kiste als Kraxel-Talent"

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  • Genial! Genau das richtige Zeichen, das wir Deutschen zur UN-Klimakonferenz bei uns in Bonn hier aussenden. Wenn ich ab heute einen Kasten K'bacher kaufe darf ich mich dann ab sofort zu den besten Klimaschützern der Welt zählen! Aber vorher sollte ich prophylaktisch "Made in Germany"-Heizstäbe im Permafrostboden versenken, damit wenigstens die Polkappen noch bis Weihnachten abschmelzen. Sonst denkt man noch von mir, ich sei so ein links-grün-versiffter Umweltschützer!

  • Sind wir doch mal ehrlich. Fast Jeder würde seinen Geländewagen auch ohne Allradantrieb kaufen, wenn er lediglich so aussieht. Das wäre auch gut für die Schnappatmung vieler grüner Zeitgenossen.

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