Ausfahrt im neuen Escalade
Cadillac hat den Größten

War es Absicht, dass Cadillac den neuen Escalade am Zürichsee präsentierte? Die Bootswerft war thematisch gut gewählt. Ein 5 Meter 70 langes Dickschiff-SUV mit 2,6 Tonnen Gewicht braucht einen gewaltigen Ankerplatz.
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ZürichFür den Kollegen aus Wien ist der Drops nach 400 Metern gelutscht. Nur drei Kurven im gewaltigen Cadillac Escalade, schon schwärmt er mit fettem Akzent: „I mog des. Wie der schwingt.“ Der tiefenentspannte Österreicher hat völlig Recht. Ins komfortable Leder einsinkend und hoch über dem Alltagsverkehr thronend lassen wir uns wie echte VIP im komplett überarbeiteten Flaggschiff der GM-Nobelmarke chauffieren. Und das ist super komfortabel, extra weich nachfedernd, von drei Klimazonen und jeder Menge Multimedia-Displays umgeben. Aber es schaukelt auch bei jedem Bremsen und Gasgeben. Und in jeder Art von Kurve. „Meiner Frau“, entgegne ich dem Wiener, „wird davon ja immer übel.“

Aber wir sollten nicht kleinlich sein, wenn wir uns einem bis zu 2,9 Tonnen schweren und in der Langversion namens ESV auf 5,70 Meter gestreckten Wagen nähern, den es ausschließlich als Benziner gibt. Der soll in erster Line gut geradeauslaufen, bis zu acht Menschen oder mehr als 3.400 Liter Gepäck befördern, und dabei eindrucksvolle Außenwirkung verbreiten. „Size matters“ sagen sie in den USA, und auch in der Kategorie der gewaltigen Full Size Sports Utility Vehicle (SUV) muss ja irgendwer den Größten haben.

Cadillac hat ihn, aber aus der Konkurrenz von Range Rover, Mercedes GL, BMW X5, und Audi Q7 ragt der Escalade noch aus anderen Gründen heraus: Es gibt ihn nur mit einem Motor, als V8-Benziner mit 6,2 Litern Hubraum, 426 PS, wahlweise Allradantrieb und immer mit Sechsgang-Automatik. Zweitens sind für den Wagen, der 96.500 (Langversion: 98.700) Euro kostet, so gut wie keine Extras zu haben, es ist nämlich schon alles mit an Bord.

Dass dieses für den europäischen Geschmack eigenwillige Rezept dem amerikanischen Käufer mundet, zeigt die Verkaufszahl: Seit der Neue gebaut wird, ist er ausverkauft. So werden auch der Europazentrale zunächst nur wenige hundert Exemplare zugeteilt. Man hatte bereits nachgeordert, wurde aber um Geduld gebeten Mehr als 200 werden Deutschland zunächst nicht erreichen. Mit Stolz weißt das Management darauf hin, dass man ihn besser verkauft als den Range Rover sein Spitzenmodell, aber eben nur in den USA.

Das Full Size SUV ist der neue Straßenkreuzer

Im Land der unbegrenzten Karosseriemöglichkeiten, wo ja schon immer alles ein bisschen größer war als im Rest der Welt, ist der Geschmack halt ein anderer. Am besten bleiben uns die Extreme in Erinnerung, und da gibt es einige: Heckflossen-Straßenkreuzer, Hot Rods, gewaltige Pick-up-Monster, riesige Trucks, Dragster, schwere und laute Harley-Davidson-Bikes, PS-strotzende Muscle Cars und eben große SUV, deren Vorläufer geländegängige Militär- und Freizeitmobile waren.

Heute ist das Full Size SUV der neue Straßenkreuzer. Wobei man den Wortbestandteil „Sports“ in SUV nicht so wörtlich nehmen darf, wichtiger ist, dass es eine sichere Burg auf Rädern ist. So liegt die große Stärke des Cadillac Escalade trotz seiner auf dem Papier beeindruckenden Motordaten im Cruisen.

Wenn es unbedingt sein muss, schwingt er sich auf, den Sprint aus dem Stand auf Tempo 100 in 6,7 Sekunden zu absolvieren, aber in bedrohloch anschwellenden Knurren schwingt Unwille mit, sich sportlich aufzuraffen. Und so lassen ihm seine Entwickler schon bei genau 180 km/h wieder seine Ruhe. Es macht keinen Sinn und keinen Spaß, ihn noch heftiger gegen den Luftwiderstand ankämpfen zu lassen.

Deutlich mehr Spaß macht es, aus den beiden Fahrmodi „Sport“ (sinnlos) und „Tour“ (normal) letzteren auszuwählen, sich dann an den zahlreichen neuen Features und Extras zu erfreuen, die Cadillac dem Escalade spendiert hat. So sind die extrem komfortablen Memorysitze, die ebenso wie das Lenkrad beheizt und gekühlt werden können, mit Massageprogrammen ausgerüstet und elektrisch absolut perfekt auf jeden Fahrer einstellbar.

Während Lendenwirbel und Schultern geknetet werden und die Niveauregulierung geräuschlos das Fahrzeug absenkt, greift man gerne in den kleinen Kühlschrank in der gewaltigen Mittelkonsole und fischt in der Getränkeauswahl aus sechs Halbliterflaschen. Oder lädt auf dem Kühlschrankdeckel das Smartphone induktiv auf. Wer es passiver mag, sollte in die zweite Sitzreihe hinaufklettern. Ein gewaltiger Aufstieg, den Haltegriffe erleichtern - und automatisch aus- und einschwenkende Trittbretter. Sie kosten 1.680 Euro extra, aber was solls - wer hat schon sowas? Der Vorführeffekt ist enorm. Auch dann, wenn sie so phlegmatisch aus- und einfahren, dass sie für ungeduldige Tester zur Stolperfalle werden.

Oben angekommen empfangen uns auch in der Normalversion mit 5,18 Meter Länge echte XXL-Platzverhältnisse, Leder bis zum Abwinken, eine eigene Klimazone nebst getrennter Regulierung, und mehrere von der Decke herunterklappende Infotainment-Monitore. Wer nicht durch dunkel verglaste Scheiben gucken möchte, lenkt sich multimedial ab.

Die Basis dafür bildet eine ganz ausgezeichnete Bose-Anlage. Sie sorgt mit 16 Lautsprechern und Subwoofer nicht nur für ordentlichen Bass-Bumms, sondern auch dafür, dass die Fahrt im Cadillac ruhiger wird, weil sie aktiv Karosserieschwingungen überlagert. Hier hinten ist locker Platz genug, den Laptop auf den Oberschenkeln auszuklappen und die ersten Fahreindrücke zu notieren. Fürs Internet-Surfen würden wir den PC gar nicht brauchen, das erledigt der Cadi für uns, ist alles mit an Bord.

Außerdem, auch das ist viel besser als beim Vorgänger, dominiert nun Handarbeit: Was nach Leder oder Wurzelholz aussieht, das ist auch echt. Ab den Rückenlehnen der zweiten Reihe lässt der Luxus beim Material ein wenig nach, was aber nicht sehr ins Gewicht fällt. 

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