Bentley Continental GTC Speed im Test
Wenn der Earl in Eile ist

Ein wahrer Gentleman rennt nicht. Wenn Sir es eilig hat, nimmt er den Bentley. Und zwar ohne Chauffeur. Denn im offenen Cabrio liegen die besseren Plätze ausnahmsweise vorne.
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DüsseldorfDiesem Fahrzeug fehlt komplett die Mitte. Es gibt hier einfach nichts durchschnittliches, normales. Alles ist extrem, vom Gewicht über die PS-Zahl und den Preis bis hin zum Aschenbecher und den Lüftungsdüsen. Dennoch überwiegt beim Bentley Continental GTC Speed, eines der schnellsten und edelsten Cabrios der Welt, das Understatement, die feine britische Art der Zurückhaltung.

Dabei ist der Continental, den es als Basismodell bereits für rund 200.000 Euro gibt, nur das Einstiegsmodell für die etwas ärmeren, chauffeurlosen Bentley-Kunden, die noch selber fahren.

Aber wie selbstverständlich löst die 1919 gegründete Traditionsmarke auch bei dem offenen Selbstfahrermodell den selbstbewussten Claim ein, mit dem man auf den Umschlagcovern teurer Hochglanzmagazine um neureiche Kunden à la Robert Geiss wirbt: „Guten Stil kann man kaufen.“

In puncto Stil stechen bei unserem in „Beluga Solid“ lackierten Testwagen aus einer wahren Flut bemerkenswerter Details drei Dinge heraus: Der Wagen hat ein Facelift hinter sich, und außer Bentley-Fachverkäufern wird es niemand auffallen. Er ist mit der Top-Motorisierung unterwegs, dem sechs Liter Hubraum großen Zwölfzylinder-Biturbo, und man möchte doch meist nur cruisen. Last but not least hat er einen der besten Innenräume, die man für Geld kaufen kann, aber er wirkt nicht besonders protzig.

 

Für genau diese Wirkung scheinbar anstrengungslos erreichter Eleganz und eines „sophisticated luxury“, der fast beiläufig wirkt, stecken sie in Crewe aber auch einige hundert Stunden Handarbeit in jedes Modell. Danach zeigen etwa hochglanzpolierte, filigrane Luftmengenregler, die an Orgel-Registerzüge erinnern, das hier wirklich alles aus Metall ist, was glänzt.

Große Liebe zum Detail beweisen unzählige aufwändig geriffelte Metalloberflächen – beispielsweise am Gang-Wahlhebel, hinten(!) an den Schaltpaddles, auf der Innenseite der Türgriffe oder am schweren Funkschlüssel.

Wohin das Auge auch blickt, entdeckt es feine Details, die jeden Bentley geradezu selbstverständlich royal wirken lassen. So tragen je nach Modell zwischen acht und 14 Rindviecher ihre Haut zu Markte, damit der großzügigst belederte Innenraum in Handarbeit entstehen kann. Ziernähte werden hier sparsam aber wirkungsvoll gesetzt, und sogar das in unserem Testwagen großflächig eingesetzte Karbon wirkt dank vornehmem Graustich eher wie ein dezent lifestyliges Furnier.

Passagiere, die man mitnimmt, lieben den dezenten Lederduft, wie in einer vornehmen Taschen- und Schuh-Boutique. Nachdem die tresorschwere Tür hinter ihnen angenehm hörbar ins Schloss klickt und ein Motor sie leise surrend zuzieht, können sie gar nicht mehr aufhören, alles anzufassen und als luxuriös-solide zu loben während sie sich auf im Rautenmuster abgesteppten und perforierten Ledersesseln räkeln, die sowohl beheizt als auch gekühlt sind, und sanft den Rücken massieren. Jeder spürt es: Hier steht absoluter Komfortanspruch über allem anderen.

Die etwas skurrilen Highlights der Ausstattung sind ein Brillenetui aus Carbon über dem Cupholder in der Mittelkonsole, ein von Bentley beigelegtes Mobiltelefon, in das man seine Sim-(Zweit)-Card einlegt, ein sechsfach-CD-Wechsler, der das halbe Handschuhfach füllt und ein Aschenbecher aus einem Pfund mattgebürsteten Aluminium, der in einem Inspector-Jury-Krimi als feine Mordwaffe taugen würde.

All das gibt es bei anderen Anbietern moderner und schlichter, gar nicht mehr oder besser integriert. Aber wer würde das schon wollen? Beim genießerischen Blick auf die ins feine Leder eingelassene Breitling-Analog-Uhr vergeht die Zeit ja auch irgendwie souveräner, stilvoller.

Zugunsten des eigenen Stils stellt Bentley schnelllebige Modernität und allzu Zeitgeistiges eben lieber hinten an, zeigt sich dafür kompromisslos beim scheinbar selbstverständlichen Erreichen der Ziele Luxus, Komfort, Handwerkskunst.

Vornehme Zurückhaltung ist auch beim wahlweise per Zündschlüssel oder per Startknopf zum Leben erweckten Zwölfzylinder das oberste Prinzip. Auf dem Papier mögen die Leitungsdaten des etwas antiquierten W12-Triebwerks aus dem Volkswagen-Konzern atemberaubend sein: 635 Pferdestärken, 825 Newtonmeter Drehmoment, Beschleunigung von Null auf 100 km/h: 4,4 Sekunden, Spitze: 327 km/h, das sind Werte, die auch Sportwagenenthusiasten aufhorchen lassen.

Aber bei unseren Ausfahrten begeistert der schwarz glänzende Gleiter durch andere Qualitäten: Die Leichtigkeit und Souveränität, mit der sich das fast drei Tonnen schwere Fahrzeug bewegt, ist die feine englische Art.

Selbst wenn ihre Lordschaft auf dem Weg nach Ascot geruht, den Gasfuß mit Nachdruck zu senken, gerät auf den umliegenden Sitzen keinem Haupt die Krone oder der Designerhut ins Schwanken. Denn die von ZF beigesteuerte Achtgang-Automatik wechselt im Komfortmodus so schnell und ruckfrei die Gänge, dass man es kaum mitbekommt.

Und während die maximale PS-Zahl erst im oberen Drehzahlbereich anliegt, steht das unglaubliche Drehmoment schon bei 2.000 Touren zur Verfügung, was Lust am beschaulichen Langsamfahren fördert.

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