Fahrbericht Renault Talisman Grandtour: Die feine französische Art Passat zu fahren

Fahrbericht Renault Talisman Grandtour
Die feine französische Art Passat zu fahren

Der Talisman soll die Zeiten, in denen der Laguna mehr Werkstätten als Herzen eroberte, vergessen machen. Um Passat-Fahrer zu überzeugen braucht es zwar etwas Glück. Doch das dürfte bei dem Namen ja kein Problem sein.

DüsseldorfVel Satis, Safrane, Avantime, Latitude, Fluence: In den Firmenfuhrparks, in der Welt der Geschäfts- und Dienstwagen haben diese Renault-Namen keine tiefen Spuren hinterlassen. Und jetzt kommt ein Flaggschiff mit 1,6-Liter-Maschine? Das ist aber ungewöhnlich klein!

Doch da sich Renault in der oberen Mittel- und Oberklasse seit Jahren zurückhält, ist der neue Talisman (neben dem Espace) zurzeit das Größte, und auch Eleganteste, was die französische Traditionsmarke auffährt. Heißt das, man muss Abstriche machen? Immerhin: Kopfschütteln kann außer der bescheidenen Hubraumgröße des Testwagens auch dessen Namensgebung hervorrufen.

Denn eigentlich ist ein Talisman ja ein recht kleiner Glücksbringer, doch mit der Grandtour-Version des Laguna-Nachfolgers fahren wir einen ausgewachsenen Passat-Gegner, der zwischen 572 und 1681 Litern Gepäck schluckt, und mit der Allradlenkung 4control sogar technische Finessen an Bord hat, die man bislang eher von Porsche kennt. Getestet haben wir den aktuell größten Diesel, den dCi 160 mit, Sie ahnen es schon, 160 PS.

Doch die ersten Eindrücke sind überzeugend: Ein großes, ein stilsicheres Auto. Die neue Designsprache bringt eine modern-dynamisch-kraftvolle Präsenz auf den Asphalt, die wir so von Renault noch gar nicht kannten. Die auffälligen Sicken in der Motorhaube und an den unteren Türkanten sowie der geschärfte Blick des LED-Tagfahrlichts verfehlen ihre Wirkung nicht. Das zeigen auch die Reaktionen neugieriger Nachbarn: Gleich mehrere sprechen uns auf den „schönen neuen Kombi“ an. Die große Renault-Raute als Logo im chromglänzenden Kühlergrill, das ist sicher Geschmacksache. Aber wer würde angesichts dieser markanten Alternative im gehobenen Establishment dem tristen Vorgänger Laguna auch nur eine Träne nachweinen?

Auch der großzügige Innenraum kommt bei den Neugierigen auf den ersten Blick gut an, jedoch bleiben auch die meisten an dem prominenten Touchscreen hängen und fragen sich: Wie viel Zeit muss ich investieren, bis ich die wichtigsten Funktionen gefunden habe? Vom Startbildschirm aus erreichen wir Radio, Navigation und Lüftungseinstellungen schnell und unkompliziert. Wer tiefer in Fahrzeugeinstellungen einsteigen möchte, braucht bisweilen das Handbuch für die ersten Schritte.

Abgesehen vom Kachel-Chic der Menüs sind auch die Touch-Felder neben dem Bildschirm Geschmacksache. Mit ihnen regelt man beispielsweise die Lautstärke des Radios oder schaltet die Anzeige komplett aus. Die Frage, ob Fingertatscher und fehlende haptische Rückmeldung auch abseits des Touchscreens sein müssen, muss jeder Nutzer für sich selbst beantworten.

Von außen betrachtet ist die Fünf-Meter-Marke fast erreicht, der Kombi misst mit 4866 Millimetern anderthalb Zentimeter mehr als die ebenfalls riesige Talisman-Limousine. Innen gibt es feine Zutaten schon zum Basispreis. Der in drei Ausstattungsvarianten angebotene Talisman hat unter anderem immer Einparkhilfe hinten, 2-Zonen-Klimaautomatik und das Online-Multimediasystem R-Link 2 mit Touchscreen sowie „Multi-Sense“ an Bord, mit dem sich Fahrerlebnis und Innenraumambiente individuell abstimmen lassen. Die Allradlenkung namens „4control“ und ein adaptives Fahrwerk bietet allerdings nur die Topversion ab rund 42.000 Euro.

Beim Stichwort Allrad- oder Hinterachslenkung werden sich einige erinnern: Das ist keine komplette Neuentwicklung, die Technik mit den geringfügig einschlagenden Hinterrädern hatte Renault auch beim Problemkind Laguna 2010 schon mal im Angebot, bei den GT-Modellen. Ohne damit allerdings große Erfolge zu feiern.

Was bringt das 1900 Euro teure System (inklusive 19-Zoll-Alus und adaptivem Fahrwerk) also im Modelljahr 2016? Bei niedrigem Tempo – bis 50 km/h – lenken die Hinterräder entgegengesetzt zu den vorderen und reduzieren so den Wendekreis, erhöhen besonders im Stadtverkehr die Wendigkeit, was für einen Kombi schon ein Vorteil ist. Bei höheren Geschwindigkeiten steuern die Hinterräder in die gleiche Richtung wie die Vorderräder.

So bleibt das Fahrzeug zum Beispiel bei plötzlichen Ausweichmanövern besser beherrschbar, der Geradeauslauf und die Spurstabilität rechtfertigen außerdem die Metapher „wie auf Schienen“. Vorteile bringen die gegenläufig einschlagenden Hinterräder außerdem beim Einparken und Wendemanövern, da der Wendekreis sich durch 4control um rund einen Meter reduziert.

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Die nerven, die Assistenten

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Nicht schnell, aber wirksam

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