Ford Focus Turnier ST im Test
Biedermann und Brandstifter in einem

Fiesta und Focus symbolisieren Fords Erfolg, sie zählen zu Europas meistverkauften Autos überhaupt. Aber sie sind langweilig. Wir testen lieber den „großen Bruder“, den Focus Turnier ST, der Spaß und Power verspricht.

DüsseldorfKombis sollen in erster Linie praktisch sein, für Familien und Außendienstler. Mit entsprechendem Motor und Fahrwerk können sie aber auch sehr viel Spaß machen. So wie der Ford Focus ST Turnier, der mit 250 PS (184 kW) aufwartet. Bei ihm bleibt aber viel Komfort auf der Strecke. Und seine Kraft setzt er oft recht ungehobelt ein. Mit ein wenig mehr Kultur könnte er ein fast optimales Reiseauto für die ganze Familie sein. So macht er aber letztlich dem Papa am meisten Spaß, wenn der allein unterwegs ist.

Den alten Ford Focus Turnier kenne ich ja, wir bewegen privat das 2007er Baujahr als Turnier, mit der kleinen Diesel-Maschine. 1,6 Liter Hubraum, ein kaum spürbarer Turbo, und angeblich 109 PS, von denen man nicht viel mitbekommt. Aber genügsam ist er, günstig in Anschaffung und Unterhalt. Ein vernünftiges Auto. Meine Frau hasst es. Und wenn ich mir einen Ford wünschen dürfte, dann trüge er eines der Kürzel GT40, RS oder zumindest ST. Das sind die Modelle, die den Puls der Markenfans beschleunigen.

Nun wartet die schöne Aufgabe, das neuere Modell zu testen. Und dann auch noch die Sportversion namens ST. 250 PS, alle erdenklichen Extras, schicke Alu-Felgen, rote Bremssättel, Schalensitze, Dachspoiler, dunkel getönte Scheiben, ein Wahnsinns-Auspuffsound. Der gefällt bestimmt auch meiner Frau. Denkste. So kann man sich täuschen.

 

Von außen macht der Testwagen echt was her. Schon im Stand verspricht die Optik viel Power und hohe Geschwindigkeit in Verbindung mit echtem Kombi-Nutzwert. Durch die weit heruntergezogene Motorhaube, die fließend ansteigende Fenster- und abfallende Dachlinie wirkt der Lifestyle-Kombi länger, als er mit 4,56 Metern tatsächlich ist. Und zu dem starken Vierzylinder-Turbo mit zwei Liter Hubraum kommt ja hinten noch ein Laderaum mit mehr als 1.500 Liter Volumen.

Markant ist vor allem die Front mit dem großen trapezförmigen Lufteinlass, den Bi-Xenon-Scheinwerfern und Nebelleuchten. Das Heck wirkt durch die weit in die Flanke gezogenen Hecklampen modern. 1,82 Meter Breite und rund 1,50 Meter Höhe, das sind die Maße eines Kompakten. Halbwegs aggressives Spoilerwerk und eine für die Modellreihe einzigartige Auspuffanlage runden den dynamischen Eindruck ab.

Und innen? Im komplett schwarzen Outfit präsentiert sich der Kombi-Sportler gut verarbeitet und stimmig eingerichtet. Die Materialauswahl passt, schicke LEDs beleuchten den Innenraum überaus angenehm. Eine schöne Einstiegsleiste weist darauf hin, dass man das Sportmodell bewegt. Die Schalensitze sehen nicht nur sehr gut aus, sie wurden auch extra für dieses Modell entwickelt.

Übersichtlich ist der Wagen, auch wenn man recht tief sitzt. Die Rückfahrkamera ist also nicht unbedingt nötig, geht aber als zeitgemäßes Extra voll in Ordnung, immerhin unterstützt sie den Schulterblick, der aufgrund des schmalen Fensterbandes nicht allzu gut gelingt. Blinkende Totwinkelwarner gibt es optional im Außenspiegel, die sind natürlich sehr gut.

Auch die Stereoanlage von Sony ist ein klares Plus, sie klingt wirklich prima und lässt sich einfach bedienen. Für den eigenen MP3-Player ist der USB-Anschluss leider ungünstig tief und weit hinten unten in der Mittelkonsole unter der Armstütze verborgen. Vorne würde er mehr Sinn machen.

Aber einige Bauteile erstaunen. So hat selbst der VW Up meiner Nichte ein Sportlenkrad, das unten abgeflacht ist. Bei Ford gibt es das nicht mal im 250 PS-Spitzenmodell ST. Was es gibt, sind insgesamt zu viele Knöpfe und Schalter in der Mittelkonsole. Das kostet Eingewöhnungszeit.

Und der Sitzkomfort ist definitiv nichts für lange Reisen. Entweder sind die Schalensitze zu eng, oder ich zu breit. Die Recaros sind schön anzusehen und toll verarbeitet, kneifen aber schon bei der ersten Anprobe. Leider lassen sie sich im Testwagen nur sehr eingeschränkt verstellen, elektrisch schon gar nicht.

Das straffe Gestühl ist zwar in der Sitzlänge individuell anpassbar, will die Insassen aber beim Aussteigen nie so recht loslassen. Man muss sich schon wirklich aufraffen und verabschiedet sich meist mit einem leichten Stöhnen oder Ächzen.

Bis dahin entschädigt der Focus ST aber mit toller Beschleunigung, einem unglaublich guten Motor- und Auspuffsound, sehr direkter Lenkung und dem bulligen Drehmoment von 360 Newtonmeter, die der Turbo-Direkteinspritzer bereits bei 2.000 Kurbelwellenumdrehungen pro Minute ins Getriebe schickt. 

So viel Dampf verwandelt den mit 1.362 Kilo erfreulich leichten Kombi zum Spaßgerät in Reinkultur. Der Motor setzt Gaspedalbefehle sehr spontan in Vortrieb um und bietet seinem Fahrer vom zweiten bis zum fünften Gang eine wirklich wunderbare Kombination aus Dynamik und Elastizität. Die sehr gut dazu passende Sechsgang-Schaltung im Focus ist leichtgängig, die Schaltwege könnten aber kürzer sein.

Kurvenreiche Landstraßen sind somit eindeutig das Lieblingsrevier des Focus ST. Zumal auch Lenkung, Fahrwerk und Bremsen hervorragend aufeinander abgestimmt wirken. Nur wenige (Kombi-)Fahrzeuge in dieser Klasse lassen sich so handlich und präzise ums Eck treiben.

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