Hyundai Genesis im Handelsblatt-Test
Vergiss den Benz!

Nein, wirklich wehtun wird der Hyundai Genesis weder Mercedes noch Audi oder BMW. Aber die luxuriöse Limousine zeigt, wie nah die Koreaner dem deutschen Premiumanspruch kommen, wenn sie nur wollen. Und sie verbreiten Spaß.

DüsseldorfGenesis. Das klingt für die meisten Menschen nach Popmusik, bei der sich Phil Collins leider nicht aufs Trommeln beschränkt. Für einigermaßen bibelfeste Christen klingt das griechische Wort nach altem Testament, nach Schöpfungsgeschichte. Und für eine winzig kleine Schar von Autobegeisterten klingt es nach einem ganz hervorragenden Modell des koreanischen Hyundai-Konzerns, das allerdings kaum jemals auf deutschen Straßen gesichtet wurde.

Tatsächlich erfindet Hyundai mit dem Genesis seine eigene Schöpfungsgeschichte neu. Denn es geht hier nicht um das Sportcoupé, das man zumindest vereinzelt sah, bevor es kürzlich eingestellt wurde, sondern um die wirklich rare Genesis Limousine, die den Audi A6, BMW 5er, Jaguar XF und die Mercedes E-Klasse in der oberen Mittelklasse herausfordert. Ein Segment, in dem die Rollen der Platzhirsche so festgelegt scheinen, dass jeder Mitbewerber zwangsläufig als Exot erscheint.

Warum eigentlich? Der Genesis „seems to have an invisible touch“, wie die Popgruppe so schön singt: Der koreanische Exot bringt alles mit, um als Herausforderer bestehen zu können. Ein Fahrzeug, das einerseits überaus elegant, bärenstark, verblüffend schnell und mit unglaublich vielen Extras gespickt ist. Und unserer Meinung nach die bisherige Spitze des koreanischen Serien-Autobaus markiert. Ein Fahrzeug, das andererseits vom Hersteller so gut versteckt wird, dass es in europäischen Zulassungsstatistiken sogar noch hinter Cadillac liegt. Und das will was heißen.

Am Aussehen kann es nicht liegen. Hyundai hat den Genesis so haarscharf an einem Mercedes vorbei designt, dass er die gut erkennbare Stuttgarter Linie mit einigen eigenen, kraftvollen Akzenten verbindet. Dabei holt er sich noch ein paar Impressionen von Bentley. Der Genesis macht schamlos auf dicke Hose, das Publikum am Straßenrand und im Verkehr beantwortet den Exhibitionismus mit einer ordentlichen Portion Voyeurismus. Völlig unverständlich, dass die natürliche Zeigefreudigkeit des Genesis nicht unterstützt wird.

Im aktuellen Werbeprospekt des örtlichen Hyundai-Händlers tauchte das Auto gar nicht erst auf. Bei den ersten offiziellen Fahrpräsentationen klang zudem an, dass man im deutschen Hyundai-Management nicht unglücklich darüber ist, das pro Jahr in Bremerhaven nur eine niedrige dreistellige Stückzahl des Modells per Frachter eintrifft. Warum diese Zurückhaltung? Hyundai hatte doch kürzlich erst angekündigt, fünf Prozent Markanteil bis 2017 anzustreben, und bis dahin 22 neue Modelle und Derivate vorzustellen.

Man weiß eben aus jahrelanger, teils leidvoller Erfahrung, wie schwer es ist, wenige private Kunden und viele Flottenmanager im oberen Segment der Businesslimousinen von den üblichen verdächtigen Marken wegzulocken. Anders als bei i10 und i20 ist hier zunächst mal alles fest in deutscher Hand, und dann sind da ja noch Jaguar und Lexus. Ein neuer Reisebegleiter für rund 65.000 Euro muss also schon viele und gute Argumente vorweisen, um überhaupt wahrgenommen zu werden.

Der Punkt: Dem Genesis gelingt das spielend. Die gefällige Optik ist da nur das Eine. Denn dass dieses Fünf-Meter-Schiff für mehr als nur einen Achtungserfolg gut sein könnte, ahnt man schon nach dem ersten Blick auf Design und Innenausstattung. „Ist das ein Bentley?“, fragt durchaus ernstgemeint etwa der Nachbar, der das auffällige Markenlogo oben im mächtigen Chrom-Kühlergrill sieht. Es besteht aus einem Kreis um den Buchsaben „G“ mit zwei geflügelten Schwingen. Man hat sich - sehr offensichtlich - von Aston Martin und Bentley „inspirieren“ lassen. Aber der kleine Etikettenschwindel zeigt Wirkung, nicht nur bei dem einen Nachbarn. Also: Ziel erreicht.

Hinter dem sogenannten „Fluidic Sculpture Design“ des 2+2-Sitzers, das die Limousine fast so coupéhaft elegant wie Jaguar XJ und Audi A7 Sportback wirken lässt, findet sich reichlich Platz unter einem prächtigen Panoramadach. Man kann sogar, Chauffeur vorausgesetzt, von hinten aus die vorderen Sitze aus dem Weg fahren lassen und die Rückbank elektrisch in eine halbe Liegeposition rücken, um sich mit lang ausgestreckten Beinen endlich wie ein Aufsichtsrat auf dem Weg zur Hauptversammlung zu fühlen. So fürstlich im Fonds lümmelnd bietet sich übrigens auch eine königliche Aussicht: Das Schiebedach ist ein gigantisches Panoramafenster, der Wagen bei Bedarf taghell. Wer es diskreter mag, lässt das Dach zu, freut sich über den Sichtschutz hinten und die versenkbare Sonnenblende an der Heckscheibe.

Die Testpraxis sieht so aus: Man fährt zu den Kurzfilmtagen in Oberhausen und plötzlich entdecken die Fahrgäste hinter einem die Knöpfe in der Mittelkonsole. Die Beifahrerin findet sich ordentlich verschnürt zwischen Dach und Handschuhfach verstaut, während willkürlich zwischen Radiosender, DAB und USB hin und her geschaltet wird. Und die Sonnenblenden werden wie wild hoch- und runtergeschoben. Mit Freunden ist das unterhaltsam, mit Kindern ein Albtraum - für seriöse Fahrgäste aber auf jeden Fall ein ordentliches Stück Luxus. Und der geschätzte Gast, er merkt, er steht im Mittelpunkt.

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