Infiniti Q30 im Handelsblatt-Test
Dieser Schwabe trägt Kimono

Das ist mutig: Nissans kaum bekannte Edeltochter Infiniti wagt sich mit dem Q30 in die hart umkämpfte „Golf-Klasse“. Kann der Japaner auf Basis der A-Klasse mit viel Gefühl für Design und feinen Details überzeugen?

DüsseldorfSo stellt man sich die ideale Partnerschaft vor, wenn es läuft, wie bei Dieter Zetsche und Carlos Ghosn. Der Chef von Renault-Nissan lobte auf der vergangenen IAA die mittlerweile 13 Kooperationen der Unternehmen als die produktivste Zusammenarbeit, die es in der Automobilindustrie je gegeben habe. Der Daimler-Boss ergänzte, „Carlos and me“ seien im sechsten gemeinsamen Jahr zufrieden, sehr zufrieden sogar.

Eine der Früchte dieser schwäbisch-japanischen Allianz ist der erste Kompaktwagen von Infiniti – einer Marke, die hierzulande bestenfalls für ihre SUV und Business-Limousinen wie den Q50 oder den QX70 bekannt ist. Der neue 4,43 Meter lange Viertürer namens Q30 nutzt die Technik der aktuellen Mercedes A-Klasse und will Kunden in der hart umkämpften „Golf-Klasse“ mit eigenständigem Design und exotischem Premiumanspruch ködern. Ein Schwabe im Kimono.

So gibt es für den Japaner Front- beziehungsweise Allradantrieb, Vierzylindermotoren und Siebengang-Automatik. Und mit der Mercedes-Plattform übernehmen die Japaner, die ihre Europa-Modelle im britischen Sunderland montieren, auch die Motoren, schränken das Angebot aber gegenüber Daimler etwas ein. Es gibt drei Benziner mit 122, 156 oder 211 PS und zwei Diesel, mit 109 oder 170 PS.

Die solide Basis der A-Klasse können die Japaner für den Kampf um Marktanteile im größten deutschen Marktsegment gut gebrauchen, sie verkauften 2015 weltweit zwar 212.250 Fahrzeuge, in Deutschland aber nur 1.057, der Marktanteil ist homöopathisch. Und genau das soll der Q30 ändern, er bekommt zudem Unterstützung von einem Kompakt-SUV-Ableger namens QX30. Der beruht, Sie ahnen es schon, auf dem Mercedes GLA.

Im Optik-Check erobert der Q30 meine Freunde, Bekannten, und Nachbarn im Sturm. Fast einstimmig heißt es: Das ist die schönere A-Klasse. Ein Urteil, das aus dem Innenraum kommt, der wahren Schokoladenseite des Infiniti. So viel Leder, Metall, Ziernähte, Holzeinlagen und Premiumanmutung gab es selten in einem Kompakt-Testwagen. Edle zweifarbige Tierhaut sogar großflächig am Armaturenbrett, schwarzes Alcantara am Dachhimmel, man möchte anfassen, streicheln, möglichst lange sitzen bleiben.

Andererseits wirkt der Wagen mit seinem großen Lenkrad und wuchtigen Lederfauteuils zugebaut, schon fast übermöbliert. Aber genau das betont auch die feine Clubatmosphäre, die bei den Freunden und Bekannten gut ankommt. Solange sie nicht hinten sitzen müssen. Da sind Kopf- und Beinfreiheit doch sehr beschränkt.

Leider übernimmt der Japaner von der A-Klasse auch die schlechte Übersicht beim klassischen Schulterblick und aus dem Heckfenster heraus, das gut zur Hälfte von Kopfstützen verdunkelt wird. Gemildert werden die düsteren Aussichten durch Anwesenheit einer Rückfahrkamera und eines automatisch agierenden Einparkassistenten, ohne die es aber auch kaum geht.

Wegen einer leicht erhöhten Bodenfreiheit sitzt man im Infiniti-Kompakten ein paar Zentimeter höher als in der A-Klasse, das schafft zumindest nach vorne raus einen guten Überblick über ein sehr tiefes und geschwungenes Armaturenbrett, eine ungewöhnlich schräg stehende Frontscheibe und über die wulstigen Rundungen des typischen Infiniti-Designs auf Kotflügeln und Motorhaube.

Vorne macht zudem der markentypische Kühlergrill mit schwungvoller Chromumrandung dem Betrachter klar: Hier gibt es keine Massenware, hier will ein Kompakter aus der Menge hervorstechen. Nicht um jeden Preis, aber mit einem ganz eigenen Stil.

Das 109 PS starke Testwagen-Triebwerk mit knapp unter 1.500 ccm Hubraum meldet sich zunächst mit deutlichem Diesel-Nageln, wird aber leiser, je wärmer der Motor wird. Nach einigen ersten Kilometern auf Landstraße und Autobahn bin ich dann doch überrascht, wie gut der Q30 innen gegen Geräusche aller Art gedämmt ist. Das kommt der Reisetauglichkeit ebenso entgegen wie das meist kommode Fahrgefühl.

Vom Lenkrad und der Federung gehen komfortable, entspannte Signale aus, hier holpert und rumpelt nichts, und dennoch ist das Fahrwerk nicht übertrieben weich. Ein anständiger Kompromiss eben.

Doch für die Kurvenjagd wurde der A-Klasse-Ableger nicht vorrangig konstruiert, dafür ist er mit mindestens 1.500 Kilo etwas schwer und die Lenkung fühlt sich zu synthetisch an. Wer es dynamischer mag, sollte den 170-PS-Diesel Probe fahren, der kommt serienmäßig mit härterem, sportlicherem Fahrwerk daher.

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