Infiniti QX70 im Handelsblatt-Test: Eine eher unbekannte Größe

Infiniti QX70 im Handelsblatt-Test
Eine eher unbekannte Größe

Zum Brötchenholen zu breit und unübersichtlich, im Jahresurlaub nur für zwei Personen geeignet, und trotz Allrad kein Geländewagen. Was macht man mit so einem Auto? Ganz einfach: Einen oberflächlich guten Eindruck.
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DüsseldorfSo könnte man das in ferner Zukunft mal erzählen, wenn SUVs längst kein Thema mehr sind: Damals, als wir noch in Möchtegern-Geländewagen durch überfüllte Städte fuhren, hatten wir auch mal so einen riesigen Wal von einem Auto. Alles an ihm war rund und groß und dunkel. Er war stets sehr hungrig und kostete uns richtig viel Geld. Wir mochten ihn aber gern, weil man hoch oben auf ihm gemütlich reiten konnte. Kleine Fische hatten immer ein bisschen Angst vor ihm, obwohl er total lieb war. Leider hat er sich in der Stadt nie richtig wohl gefühlt. Kunststücke beherrschte er keine, er sah aber ungewöhnlich gut aus.

Und wenn man ihnen dann ein Bild vom riesigen Crossover zeigt, werden sich die Urenkel wohl verständnislos kopfschüttelnd abwenden.

Nun ist unser Infiniti QX70-Testwagen beileibe kein schlechtes Auto. Er ist solide verarbeitet, fährt als 3-Liter-Diesel anständig und ragt vor allem wegen seines Designs absolut positiv aus der Masse heraus. Betrachter, die sich nicht gut mit Autos auskannten, fragten schon, ob das ein Porsche Cayenne sei. Dennoch hat er ein Wahrnehmungsproblem: Die Marke ist dem deutschen Autokäufer immer noch kein Begriff. Das Wort Lexus geht inzwischen doch leicht über die Lippen, aber Infiniti? Bauen die nicht Lautsprecher? Viele runzeln immer noch die Stirn.

Hierzulande bleiben die Zulassungen der Nissan-Nobeltochter auf dem Niveau italienischer Supersportwagen. Mit Blick auf technische Details des allradgetriebenen Testfahrzeugs muss man aber auch sagen, dass die Konkurrenz vieles mindestens genauso gut kann, wie der QX70. Und ein Mangel an herausstechenden Eigenschaften ist eben kein Kaufgrund.

Was ist das eigentlich für ein Auto? Es hat Allradantrieb, ist aber nicht fürs Gelände gedacht. Es sieht riesig aus, ist aber innen kein Rekordhalter in puncto Zuladung oder Sitzfläche. Der Hersteller sagt, es sei ein „Luxus-Crossover mit hohem Belohnungsfaktor ... und überraschender Vielseitigkeit.“ In ihm stecke trotzdem die Seele eines Sportwagens. Was übersetzt heißt: Von allem etwas, aber nichts so richtig.

Und so fährt er sich: Das Fahrwerk ist zwar ausgewogen abgestimmt, zeigt aber trotz elektronischer Dämpferregulierung einen deutlichen Einschlag Richtung Komfort. Dazu kommt die breite, hohe und schwere Bauart, ein typisches SUV eben, und keines der leichten Sorte. In schnell gefahrenen Kurven neigt sich die Karosserie dadurch natürlich etwas stärker, die verbindlich abgestimmte Lenkung verhindert aber einen schwammigen Gesamteindruck.

Beim Einhalten der Ideallinie selbst in engen Kurven hilft dem Riesen außerdem eine aktive Mitlenkenautomatik der Hinterräder. Insgesamt also ein gangbarer Kompromiss, mit dem nur ausgesprochene Sport-Fahrer nicht glücklich werden.

Ausgewogen aber unspektakulär präsentiert sich auch der Motor. Im Testwagen ist der V6-Diesel mit 238 PS (175 kW) verbaut, der sich vor allem im kalten Zustand durch lautstarke Präsenz und Innenraumbrummen unangenehm aufdrängt. Das haben wir in der oberen Mittelklasse auch schon leiser erlebt.

Die durchaus füllige Durchzugskraft (550 Newtonmeter bei 1.750 Touren) zieht und schiebt den Wagen per Vierradanterieb ohne jegliche Hektik, aber auch ohne Nachzulassen nach vorne. Das gibt Sicherheit beim Überholvorgang.

Die Servolenkung erfordert eine feste Hand, und das ist ein angenehmer Kontrast, weil sie eben nicht so leichtgängig überassistiert wie das in vielen anderen SUVs der Fall ist. Der Allradantrieb ist eigentlich permanent da, aber gleichzeitig auch gut verborgen.

Die intelligente Elektronik schickt in der Grundeinstellung und bei gutem Straßenbelag alle Kraft an die Hinterräder. Unter Überwachung von Schlupf, Geschwindigkeit und Pedalstellung werden aber nach Bedarf bis zu rund 140 PS an die Vorderräder umgeleitet. Der Fahrer bekommt davon nichts mit, er ruht im guten Gefühl, stets mehr als genug Kraft zur Verfügung zu haben.

Leider gibt die Siebengang-Automatik diese Kraft oft erst nach einer Gedenkzehntelsekunde frei. Wie ein vornehmer Butler im Hintergrund scheint sie sich erst zu räuspern: "Sie wollen tatsächlich Vollgas?" Dann zeigt ein leichtes Karosserienicken, dass Leistung anliegt. Das trägt nur bedingt zum ansonsten souveränen Fahrgefühl bei.

Ein Wermutstropfen ist der unzeitgemäße Spritdurst: im Alltag fährt man den 2,2-Tonner meist mit zehn Liter Dieselverbrauch, selten mit weniger. Eine Start-Stopp-Automatik würde helfen, wird aber nicht angeboten.

Und was ist mit dem vom Hersteller versprochenen „hohen Belohnungsfaktor“? Man kann dem QX70 bescheinigen, dass er subjektiv flott unterwegs ist. Auf dem Papier stehen 8,6 Sekunden für den lautstarken Vollgassprint aus dem Stand auf 100 km/h, aber es fühlt sich locker zwei Sekunden schneller an. Bei 212 km/h ist für den 4,87 Meter langen und 2,13 Meter breiten Wagen Schluss mit Tempo, auch wenn der Tacho mit 280 km/h prahlt.

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