Letzter Offroad-Ausflug im Land Rover Defender
Ende Gelände

Defender heißt er, Verteidiger. Und zwar einer der letzten des ursprünglichen Autofahrens. Nach 68 Jahren hat Land Rover nun seine Produktion eingestellt. Viele finden: Das ist zu früh. Abschied von einer Offroad-Ikone.

Düsseldorf/WülfrathDer Hang ist so steil, dass wir vom Autositz aus nur den grauen Winterhimmel über uns sehen, dazu die kargen Spitzen einiger windschiefer Bäume. Dann reißt plötzlich die Traktion ab, eine Warnlampe im Cockpit des Defenders flackert hilflos, wir rutschen rückwärts, trotz Allradantrieb. Der energische Tritt aufs Bremspedal bringt nichts, der Extremanstieg ist teils vereist. Mit 2,3 Tonnen Kampfgewicht geht’s abwärts, Kontrolle wird zur Illusion. Jetzt stellt sich der Land Rover auch noch quer. Alex und ich fragen uns, wie sind wir überhaupt bis hierhin gekommen? Und wie kommen wir hier wieder weg?

Wir denken kurz zurück an die Offroad-Theorie Einweisung vorhin, als uns der Instruktor („Ich bin der Dieter“) sagte: „Auf einer engen, steilen Passage, da wollt ihr nur eines nicht: Unkontrolliert quer zum Hang rutschen. Immer schön gerade halten!“ Warum? Weil sonst schon ein kleines Lenkmanöver zum großen Überschlag führen kann. Salto Mortale im Stahlkasten, das wollen wir nicht.

Der Grund, warum wir an diesem Vormittag die uns inzwischen abstrus erscheinende Idee hatten, einen vereisten Hang mit rund 30 Prozent Steigung erklimmen zu wollen, ist Automobil-romantischer Natur. In der Wülfrather Kiesgrube der Land Rover Experience möchten wir gebührend Abschied vom Defender nehmen, dessen Produktionsende zu diesem Zeitpunkt unmittelbar bevorsteht. Am 29. Januar 2016 war offiziell Schluss, der letzte nach mehr als zwei Millionen allein im Traditionswerk Solihull und überwiegend von Hand gebauter Defender lief vom Band.

Der Kontinente-Eroberer, der Freund des britischen Farmers und Teilnehmer an unzähligen Militäraktionen, den im wahrsten Wortsinn jedes Kind seit 68 Jahren an der kastigen Form erkennt, er kommt einfach mit den modernen Abgasnormen nicht mehr klar. Und auch der strenger gewordene Fußgängerschutz verbaut ihm die Zukunft.

Sein gewaltiger Kühlergrill, der direkt aufs Fußgänger-Brustbein zielt, die Kotflügel, die aussehen wie Kastenbrot-Backformen, die Airbag-Abwesenheit, die Diesel-Abgaswolken und die Crashtest-Vorgaben, all das können Brüsseler Bürokraten, die nachts von Verbraucherschutz träumen, nicht mehr ertragen.

Dieter, unser Intruktor, Mechanikermeister und seit Jahrzehnten für Land Rover unterwegs, bringt das Problem auf den Punkt: „Im Defender ist das subjektive Sicherheitsempfinden des Fahrers sehr hoch, für alle anderen sieht das anders aus.“

In „Hatari“ fingen sie mit ihm Nashörner ein, in „Die Götter müssen verrückt sein“, zog er sich an der Seilwinde selber aus dem Fluss, zu „Daktari“ gehörte er wie Clarence, der schielende Löwe, selbst Lara Croft grabräuberte sich mit ihm durch die Wildnis. Damit diese Ikone bleiben kann, was sie immer war, muss sie sterben.

Apropos Ableben. Am vereisten Steilhang ist es Dieters Ruhe und Erfahrung, die uns wieder in die Spur bringt. Mit der Gelassenheit eines irischen Bierkutschers dreht er die Vorderreifen ein, hangabwärts. Irgendwann greifen die Bremsen, danach ist es der permanente Allradantrieb des weißen 110er Defenders, seine 350 Newtonmeter Drehmoment bei 2.000 Touren, die uns doch noch über die Kuppe wuchten. Geschafft, durchatmen, analysieren! Was war der Fehler? Wir hätten mehr Schwung mit in den Hang nehmen müssen, dritter Gang statt zweiter, damit die Räder nicht so früh durchdrehen.

Aber wir sind Anfänger, müssen das erst lernen. Unser Geländefahrlehrer ist längst mit dem Defender verschmolzen. Mehr als 40 Jahre war Dieter Neldner bei Land Rover. Er kannte den Defender schon in und auswendig, als er noch Series II und III hieß, als Reynolds Tobacco Anfang der 80er Jahre auf die Idee kam, eine Camel Trophy zu veranstalten. Die ersten Dschungelabenteuer hat er nicht nur am Rande erlebt. Er war Lumpensammler und Bergemeister, dafür zuständig, die Autos zu retten und zu flicken, die kaputt gingen oder feststeckten. Was öfter an deren Fahrern, seltener am praktisch unzerstörbaren Defender.

Heute ist Dieter Instruktor bei Land Rover Experience Drives in Wülfrath, und das eigentliche Urgestein in der Kiesgrube, randvoll mit Anekdoten der Art „Du hast immer genau das Ersatzteil dabei, das Du garantiert nicht brauchst.“

In seinem Heimatrevier, dem mehrere Quadratkilometer großen Kiesgruben-Männerspielplatz kann man richtig offroad fahren. Gefälle bis 110% sind drin, schmale, felsige Windungen, Wippen, Extremverschränkungen, gewaltige Querfugen, Holzbrücken, Wasserdurchfahrten, meterhohe Betontreppen, Sand, Matsch, Felsen, Geröll. Hier finden nicht nur die Kandidaten-Vorausscheidungen zur den jährlichen Land Rover Experience-Touren statt, den Nachfolgern der Camel Trophy. Hier kann auch der Evoque-Besitzer erfahren, was sein SUV im Grenzbereich tatsächlich leistet.

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