Mitsubishi L200 im Test
Ein Colt für alle Fälle

Pick-ups sind rund um den Globus Verkaufsschlager, nur in Deutschland nicht. Warum eigentlich? Die Testfahrt im Mitsubishi L200 wird zur gelebten John-Denver-Experience. Und auch die absurde Größe erweist sich als Segen.

DüsseldorfDie Geschichte des Pick-ups ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Die Gefährte, deren deutsche Nutzfahrzeugentsprechung der Pritschenwagen darstellt, sind global betrachtet Verkaufsschlager. In den USA führen die Transporter mit offener Ladefläche seit Jahrzehnten die Zulassungsstatistiken an. Eher abschreckend hingegen sind Bilder aus dem afrikanischen und arabischen Raum, die andeuten, es gebe keinen gelungenen Umsturz oder Terror ohne Pick-up mit Flak auf der Ladefläche. In Deutschland jedoch sind Dodge Ram, Ford F-Serie oder auch der heimische VW Amarok so selten wie politische Unruhen.

Wichtiger ist hierzulande die klassische Frage an Pick-up-Fahrer: Was zieht der? Auf Bauernhöfen, bei Steinmetzen, bei Landschaftsgärtnern und im Forstbetrieb sind die verkappten Lastwagen noch am ehesten anzutreffen. Mit Allrad, mit viel Leistung und viel Anhängerlast. Auf dem Land tun sie das, was sie in den USA als „working man´s car“ so erfolgreich macht: den Freiraum nutzen und Freiraum für Krempel auf der Ladefläche bieten.

Hierzulande dürfte der Pick-up vor allem denjenigen ein Begriff sein, die sich in den 1980er-Jahren von „Ein Colt für alle Fälle“. In der scheuchte Lee Majors als Stuntman Colt Seavers die Bösewichte mit einem GMC Sierra durch die Gegend. Rasend, springend, fliegend. So wild treiben es die Pick-ups heute zwar nicht mehr. Aber der Mitsubishi L200, erster Pick-up im Handelsblatt-Test, lässt dem Fahrer zumindest Spielraum für Abenteuer. Mein Freund, der „Unknown Stuntman“.

Immerhin 1007 Exemplare wurden von dem L200  2014 in Deutschland erstmals zugelassen. Das ist natürlich kein Bestseller. Aber es ist ein Markt. Seit 1978 rollt das Gefährt, ab dem 26. September kommt die neue, fünfte Generation in Deutschland.

Mein erster Eindruck: Zweifel am eigenen Verstand. Wenn morgens um halb Acht ein gut zwei Tonnen schwerer, 178 PS starker Diesel in einer engen Einbahnstraße im Herzen Düsseldorfs angerollt kommt, dann fragen auch sie sich, was zum Henker sie geritten hat, sich zur Ausfahrt im Monstrum freiwillig zu melden. Aber ich gebs zu: Ich träumte immer vom Pick-up. Das hab ich nun davon.

Und dabei ist morgens um acht die Welt noch in Ordnung. Das 5,20-Meter-Vehikel gleitet in eine üppige Lücke am Straßenrand und glitzert frisch poliert in der aufziehenden Sommersonne. Im Kopf beginnt John Denver zu singen, „Take Me Home, Country Roads“ summend fahre ich innerlich durch endlose grüne Weiten in West-Virginia.

In der Realität stelle ich nach wenigen Meter fest: Hier ist nicht West-Virginia, das ist die Innenstadt. Und der Mitsubishi kein Smart. Mit Doppelkabine, einsachtzig Breite und 1,78 Metern Höhe füllt er die Straßen gut aus.

Gut, dass der erste Ausritt ins natürliche Habitat führt. Country roads am Niederrhein. Ziel: das Haldern-Pop-Festival. Es ist, als sei der L200 genau dafür gemacht. Auf der Ladefläche finden 13 Paletten niederländisches Dosenbier, vier Zelte, Campingstühle und einige Reisetaschen mit einem Gepäcknetz verschnürt überraschend sicher Platz.

Zwar geht der Blick während der Fahrt die A3 hinauf immer wieder in den riesigen Innenspiegel, doch alles hält. Auch, weil sich die 120 km/h als optimale Reisegeschwindigkeit für den niedertourig gurgelnden Diesel entpuppen. Das so altbackene wie widerspenstige Multimediasystem verweigert das Smartphone, hat aber WDR4 und dort läuft „Where do you go to, my lovely?“.

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