Porsche 718 Boxster S im Test
Dreh! Mich! Hoch!

Wer den kleinsten aller angebotenen Porsche-Neuwagen kauft, bekommt einen richtig teuren Vierzylinder, an dem sich optisch nicht viel geändert hat. Ein Sparpaket oder großer Sport zum Einstieg? Wir haben es ausprobiert.

DüsseldorfNehmen wir an, Sie tragen Kleidergröße XXL, und sind im – blödsinnigerweise so genannten – „besten Alter“. Wenn Sie dann Ihren Porsche 718 Boxster öffnen, sollten Sie zunächst ein paar Gedenksekunden lang verharren. Und ganz genau hinhören. Vernehmen Sie ein ganz leises Surren, und beobachten geduldig, wie der Fahrersitz in einem für die Traditionsmarke ungewohnt phlegmatischen Tempo millimeterweiße nach hinten kriecht, wie das Lenkrad nach oben schwenkt, die Außenspiegel in Position surren, dann haben Sie alles richtig gemacht. Einsteigen, bitte!

Die „Entry & Drive“-Funktion macht den Wagen für birnenförmige Menschen erst alltagstauglich. Wer es angesichts oben erwähnter Körpermaße und Lebensjahre eiliger hat, in diese neueste Generation Einsteiger-Porsche hinabzuklettern, für den könnte es andernfalls schon an der Türschwelle eng werden. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum nur normalgroße, schlanke und gelenkige Menschen am Straßenrand aus ihrem 718 aussteigen während alle anderen die Privatsphäre einer Tiefgarage dazu nutzen.

Selbst Yoga-Jüngern, das hat sich in der Testwoche gezeigt, entfleucht der Atem in einem Stoßseufzer, wenn ihr Hinterteil die letzten Zentimeter in die enge Sportsitzschale rutscht: Drin, geschafft! Ganz schön intim hier. Man muss zwei Zentimeter tiefer hinab als beim Vorgängermodell.

Nun aber los, Schlüssel ins Zündschloss, das immer noch links liegt. Ursprünglich dazu gebaut, Le-Mans-Piloten beim gleichnamigen Start-Sprint einen Vorsprung beim Motoranlassen zu verschaffen, bremst die „Entry & Drive“ eilige Fahrer erneut aus. Nur solange die Memory-Taste in der Fahrertür gedrückt wird, bewegen sich Sitz, Lenkrad und Außenspiegel in die vorab gespeicherte Fahrposition. Während kürzere Piloten noch auf Pedalkontakt warten, fährt die Konkurrenz schon davon.

In Porsches Kleinsten verirrt sich also niemand zufällig. Zwar macht der Zuffenhausener beim Einsteigen etwas Mühe. Die eigentlich Anstrengung liegt zu diesem Zeitpunkt aber je nach Geldbeutel bereits hinter den Kunden: Bei 53.646 Euro startet der normale 300-PS-Boxster. Für unseren Testwagen, den 50 PS stärkeren 718 Boxster S, beginnt das Rechnen erst ab 66.141 Euro. Preisdifferenzen wie diese und die gesamte Aufpreisliste dürften echte Porsche-Fans aber ebenso wenig schocken wie die intimen Raumverhältnisse im Innern.

Wer sich einmal in die teuren Ledersitze hinabgelassen hat, erwartet infolge dieser kleinen Sporteinlage im Gegenzug großen Sport beim Motorstart. Von innen ist der jedoch deutlich unspektakulärer als von außen, denn es lohnt sich, dem neuesten Triebwerk aus Zuffenhausen von außerhalb zu lauschen. Vielleicht klingt es ja ein bisschen nach Käfer? Eindeutige Antwort: Nein, niemals. Der turbobeatmete 2,5-Liter-Boxer und der zweiflutige Klappenauspuff geben sich alle Mühe, nicht wie ein Vierzylinder zu klingen.

Ja richtig, vier Zylinder! Denn was es für Geld und gute Worte nicht mehr gibt, ist ein Einstiegsmodell mit sechs Zylindern in Boxeranordnung, der 718 hat zwei weniger. Ist das ein Verlust? Seitdem der klassische 911er kein harter Hund mehr ist, konzentrieren sich ja nicht wenige Boxer-Fans auf das, was fälschlicherweise von Unwissenden mal als „Frauen-Porsche“ bezeichnet wurde: Boxster und Cayman. Sind sie, als Einstiegsdroge ins Porsche-Universum zweier Zylinder beraubt, dafür aber immer per Turbo zwangsbeatmet, noch der wahre Jakob? Die Antwort kann nur ein entschiedenes „Ja, aber“ sein.

Zwar lernen gusseiserne Porschefans die Vokabel „Downsizing“ gar nicht gern, aber schon eine kurze Ausfahrt im neuen kleinsten Modell der Marke überzeugt Zweifler, dass sie hier einen echten Zuffenhausener Sportwagen bewegen. Das machen schon die Leistungsdaten klar: 350 PS aus 2,5 Liter Hubraum, 420 Newtonmeter Drehmoment schon ab 1.900 Umdrehungen und eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 4,2 Sekunden (mit PDK, 4,6 Sekunden per Handschaltung) sowie 285 km/h Spitze. Damit muss sich niemand verstecken.

Noch eindrucksvoller ist der akustische Auftritt: Vom vernehmbaren Brummen mit obligatorischem, aber nicht prolligen Gasstoß beim Kaltstart bis hin zum Dröhnen jenseits der 7000 Kurbelwellenumdrehungen beherrscht der Antriebsstrang eine Menge Töne. Und die kommen innen und außen gut an, auch wenn sie sich vom Sechszylinder-Boxer unterscheiden. Würde das eigene Grinsen nicht mit jeden 1000 Umdrehungen und jedem halben Bar Ladedruck breiter werden, man würde gerne neben dem 718 stehen und die Drehzahlorgie aus der Nähe verfolgen.

Schuld an den Tönen, die unserem Testwagen eine so eigene Klangnote geben, ist nicht zuletzt die Sportabgasanlage mit geänderten Hauptschalldämpfern. Sie treibt den Preis um 1951,60 Euro in die Höhe, aber das wird Porschekäufer nicht erschrecken und wird als gut angelegtes Geld verbucht. Nur gut, dass sich das ausgezeichnet geräuschgedämmte Stoffdach immer noch während der Fahrt (bis 50 km/h) und innerhalb von 20 Sekunden zurückklappen lässt. So kommt auch der Fahrer in den Genuss von mehr Geräusch und mehr neugierigen bis bewundernden Blicken.

Je nach Ausstattung sind die fürstlich bezahlt: Ein Blick auf den Konfigurator verrät, dass man den Boxster S von rund 67.000 Euro ohne große Mühe auf über 90.000 Euro aufrüsten kann. Die Zahl hochpreisiger Extras ist ansehnlich, wir nennen hier nur die wichtigsten Extras für dynamische Kurventreiber: Vollelektrische Sportsitze mit 14 Verstellwegen: 2261 Euro, mit 18 Wegen 3617,20 Euro. Das pfeilschnelle und präzise Doppelkupplungsgetriebe PDK: 2826,25 Euro, Sport Chrono Paket mit Fahrmodusschalter 2082,50 Euro. Und natürlich die 20-Zoll-Felgen mit Sportbereifung, für rund 3300 Euro.

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