Porsche 911 Targa 4S im Test Das klappt ja prima

Lammfromm im Alltag, aber wehe, wenn man ihn loslässt: Der Porsche 911 Targa 4S überzeugt durch seine Vielseitigkeit. Besonders die beeindruckende Dachmechanik zieht die Blicke auf sich.
Kommentieren
Mit Allradantrieb, Klappdach und dem charakteristischen Bügel: Die Vielseitigkeit des Porsche 911 Targa 4S überrascht. Quelle: Julia Steinbrecht

Mit Allradantrieb, Klappdach und dem charakteristischen Bügel: Die Vielseitigkeit des Porsche 911 Targa 4S überrascht.

(Foto: Julia Steinbrecht)

DüsseldorfEin Porsche - niemals. So habe ich immer gedacht. Zu teuer, zu protzig, zu viel Klischee. Ich gehöre wohl zu den Autobesitzern, vor denen sich vor allem Sportwagenbauer fürchten: Durch und durch eine Pragmatikerin, was den fahrbaren Untersatz angeht - eigentlich.

Nach ein paar Tagen mit dem 400 PS starken Targa habe ich meine Meinung geändert. Der Wagen macht einfach Spaß und ist nicht so übertrieben alltagsfern und ausgeschlossen spaßorientiert, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Was für einen eingefleischten Sportwagen-Fan wohl einen Minuspunkt darstellt, hat mich überzeugt: Die zwei Gesichter des Modells. Auf der einen Seite im Alltag lammfromm. Aber wenn einem danach ist, ein PS-Protz, der Beifahrern den Magen umdrehen kann und zu Adrenalin-Orgien verführt.

Spektakel aus dem Stand
178
1 von 23

Der Porsche 911 Targa 4S: Die Neuauflage des Klassikers von 1965 besitzt wieder ein bewegliches Dachteil über den Vordersitzen und eine umlaufende Heckscheibe ohne C-Säule. Anders als beim Ur-Modell öffnet und schließt sich das Dachsegment bei der Neuauflage per Knopfdruck. Dabei verschwindet das Verdeckelement hinter den Rücksitzen.

187
2 von 23

Dezente Knopfsammlung: Der Porsche Targa hat zwar viele Funktionen, die sind aber zurückhaltend präsentiert.

176
3 von 23

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts: Der 3,8 Liter große Boxermotor des PS-Protzes ist leider unter einer Abdeckung versteckt.

158
4 von 23

Auch der charakteristisch breite Targa-Bügel anstelle der B-Säulen sorgt beim Porsche 911 Targa 4S wieder für Aufsehen.

145
5 von 23

Der Klappmechanismus für das Dach sieht spektakulär aus, braucht aber nach hinten etwas Platz, weil die Glaskuppel übers Fahrzeugheck hinausschwenkt.

143
6 von 23

In wenigen Sekunden verwandelt sich das Coupé in ein Cabrio - das funktioniert aber nur, wenn der Wagen steht.

141
7 von 23

Ausgeklügelt: Der Mechanismus sorgt dafür, dass jedes einzelne Teil mühelos verstaut wird.

Wenn man im Sport-Plus-Modus den zweiten oder dritten Gang bis an den roten Drehzahlbereich bei fast 8.000 Umdrehungen zieht und dann das DSG die nächste Gangstufe reinwuchtet, dann ist sofort die nächste Drehmomentwoge da und spült einen einfach davon. Gewaltig, laut. Aber kontrolliert. Und süchtig machend.

Was für Anfänger auf den ersten Kilometern wie für ältere Markenfans auch nach zig-sten Fahrt in einem 911er faszinierend bleibt, ist das Gefühl ganz nah an Antrieb und Technik zu sitzen, den gewaltigen Schub sehr direkt unterm Gesäß zu spüren. Sämtliche Lenk-, Gas- und Bremseingriffe werden außerordentlich direkt und präzise vermittelt.

Elektronische Sicherheitssysteme und hilfreich eingreifende Elektronik sorgen auch in diesem Porsche dafür, dass der Fahrer leicht glauben mag, er könne vieles besser, schneller, kontrollierter als andere.

Gas geben, beschleunigen, den Motor brüllend hoch drehen lassen, dass es einen in den Sitz drückt - um ein paar Minuten später völlig entspannt über die Landstraße zu schweben - man möchte meinen, man fährt mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Dana Heide, kommissarische Leiterin des Unternehmensressorts bei Handelsblatt Online, hat den Porsche 911 Targa 4S getestet. Quelle: Julia Steinbrecht

Dana Heide, kommissarische Leiterin des Unternehmensressorts bei Handelsblatt Online, hat den Porsche 911 Targa 4S getestet.

(Foto: Julia Steinbrecht)

So zeigt der Wagen seine enorme Alltagstauglichkeit etwa durch hohen Komfort auf schlechten Straßenbelägen und im Kurvenverhalten. Mit Winterreifen bei Regen im Stadtgebiet Düsseldorf unterwegs zu sein ist nicht der ideale Spielplatz für den 911er. Doch immer wenn wir es per Gasfuß wünschen, wackelt er ein ganz klein bisschen mit dem Hinterteil, wird für einen Sekundenbruchteil hecklastig, bevor die Allradtechnik zielführend übernimmt.

An genau den richtigen Stellen spart sich Porsche jedoch wiederum zu viel Komfort - das Lenkrad ist von allen Knöpfchen und Schaltern befreit und die Schaltpaddles drehen sich mit. Genau so sollte es in einem Sportwagen sein.

Zu den perfekten zwei Gesichtern gehören auch die "Segel"-Funktion des Targa und seine Start-Stopp-Automatik, die für Entspannung im Berufsverkehr sorgt. Das "Segeln" ist vor allem auf der Autobahn nett, wenn man es mal nicht so eilig hat. Dann schaltet der Targa bei Bedarf auf zahm um.

Nimmt man etwa bei Richtgeschwindigkeit das Gas weg, werden Motor und Antrieb elektronisch getrennt, das Drehzahlniveau sackt auf ca. 1.000 Touren und man rollt fast lautlos mit minimalen Verbrauch weiter. Ein leichtes Tupfen auf Gas oder Bremse und sofort ist der Anschluss wieder da.

Auch der charakteristisch breite Targa-Bügel anstelle der B-Säulen sorgt beim Porsche 911 Targa 4S wieder für Aufsehen. Quelle: Frank G. Heide

Auch der charakteristisch breite Targa-Bügel anstelle der B-Säulen sorgt beim Porsche 911 Targa 4S wieder für Aufsehen.

(Foto: Frank G. Heide)

Zugegebenermaßen, jedermanns Geschmack ist das vielleicht nicht, aber wer einen Allrounder sucht, für den ist der Targa 911 genau das richtige. Die schnelle Wandelbarkeit zeigt sich jedoch nicht nur im Fahrbetrieb. Spektakulär ist auch der Mechanismus des Faltdachs des Targa.

Ballett aus Glaskuppel und Gestänge

Die Neuauflage des Klassikers von 1965 besitzt wieder den charakteristischen breiten Targa-Bügel anstelle der B-Säulen, ein bewegliches Dachteil über den Vordersitzen und eine umlaufende Heckscheibe ohne C-Säule. Anders als beim Ur-Modell öffnet und schließt sich das Dachsegment bei der Neuauflage per Knopfdruck. Dabei verschwindet das Verdeckelement hinter den Rücksitzen.

Klappt exzellent

Klappt exzellent

Dieser Klappmechanismus des Targa-Dachs kann kleinere Menschenaufläufe verursachen. Wenn die zarten Gestänge und Streben ihren mechanischen Tanz mit der großen Glaskuppel aufführen, dann ist das hydraulisches Ballett, das man sich einfach mehrmals ansehen muss. Schade, dass die Aufführung nur im Stand stattfinden kann, und nicht auch bei langsamer Fahrt. Aber dafür ist die Gesamtkonstruktion zu schwer.

19 Sekunden dauert das Spektakel, und man sollte sich vorher versichern, das hinter dem Porsche zwei Handbreit Platz sind, denn das Dach schwenkt übers Fahrzeugheck hinaus.

Das neue alte Dach zieht auch viele Blicke auf sich, wenn der Fahrer nicht am Auto, sondern auf der Sonnenterrasse ist. Denn von dort aus kann man es per Schlüssel fernbedient klappen lassen. Eine ziemlich coole Showeinlage - selbst in Düsseldorf, wo teure Autos wahrlich keine Seltenheit sind.

Der enge Sportsitz sorgt für zusätzliches Porsche-Gefühl.

Der enge Sportsitz sorgt für zusätzliches Porsche-Gefühl.

Wieder zurück auf dem wunderbar engen Sport-Fahrersitz kann man natürlich auch so dynamisch fahren, wie man es von einem Allrad-911er erwartet. Der Sechszylinder-Boxer röhrt kernig, flößt Respekt ein, und ist immer noch für viele ein sehr begehrenswerter Traumwagen. Es gibt sie in zwei Varianten, die neue Targa-Generation, und beide haben Allradantrieb, aber wahlweise mit 350 oder 400 PS.

Was weniger Blicke als das Dach auf sich zieht, weil es gut integriert wurde, ist der zweistufige Luftabweiser oberhalb der Windschutzscheibe. Er sorgt zuverlässig dafür, dass frische Luft bis an die Haarwurzeln kommt, stärkere Verwirbelungen und wummernde Luft draußen bleiben.

Das Cabrio-Feeling ist echt, auch wenn der Targa strenggenommen ein Zwitter ist. Geschlossen ist der Targa innen auch nicht lauter als das Coupé, er taugt also auch wunderbar für die Langstrecke.

Außer dem Klappdach ist das Blechkleid so vertraut wie die Technik. Für den wirklich in die Sitze pressenden Drehmomentschub von 440 Newtonmeter sorgt im Targa 4S natürlich ein Sechszylinder-Boxer. Er beschleunigt den roten Testwagen in 4,8 Sekunden von 0 auf 100 km/h, mit Doppelkupplungsgetriebe (PDK) wären es 4,6 Sekunden.

Drückt man vorher die Sport Plus-Taste schaffen beide Versionen den Sprint noch einmal 0,2 Sekunden schneller. Die Höchstgeschwindigkeit des 4S liegt bei 294 km/h, die Werte für den Durchschnittsverbrauch zwischen 8,7 Litern und 10,0 Litern, mit PDK rund 0,8 Liter niedriger.

Doch die neueste Variante von insgesamt 30 verschiedenen Ausführungen des Porsche 911er hat auch seine kleinen Schwachstellen. Man merkt es ihm nicht gleich an, aber eines seiner wenigen Probleme des Targa 911 ist das hohe Gewicht. 155 Kilo mehr als ein Standard-Neunelfer wiegt der von uns getestete Targa mit Vierradantrieb.

Dass er einen Basispreis 127.610 Euro hat (Version 4S mit PDK) und damit mehr als 30.000 Euro teurer ist als der Basis-911er, ist sein zweites Manko. Mit einigen Kreuzchen auf der selbstbewusst bepreisten Optionsliste kann man den neuesten Targa auch leicht in Richtung 150.000 Euro treiben.

Da ist es dann umso bedauernswerter, dass man bei so einem hohen Preis als interessierter Technik-Fan noch nicht einmal einen Blick auf den Motor werfen kann. Unter der Glaskuppel ist eine große Ablagefläche, die aber anscheinend nur in der Werkstatt geöffnet werden kann. Schade eigentlich, aber so bleibt mehr Aufmerksamkeit beim Dach.

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts: Der 3,8 Liter große Boxermotor des PS-Protzes ist leider unter einer Abdeckung versteckt. Quelle: Frank G. Heide

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts: Der 3,8 Liter große Boxermotor des PS-Protzes ist leider unter einer Abdeckung versteckt.

(Foto: Frank G. Heide)

Technische Daten Porsche 911 Targa 4S mit PDK:

Länge x Breite x Höhe: 4,41 m x 1,85 m x 1,29 m
Motor: Sechszylinder-Boxer, 3.800 ccm, Direkteinspritzung
Leistung: 294 kW / 400 PS bei 7.400 U/min
Max. Drehmoment: 440 Nm bei 5.600 U/min
Höchstgeschwindigkeit: 294 km/h
Beschleunigung 0 auf 100 km/h: 4,6 Sek.
Verbrauch (nach EU-Norm): 9,2 Liter
CO2-Emissionen: 214 g/km (Euro 5)
Effizienzklasse: F
Leergewicht / Zuladung: 1.575 kg / 405 kg
Kofferraumvolumen: 150 Liter
Radstand: 2,45 m, Wendekreis: 11,1 m
Räder / Reifen: vorn 8,5 J x 20, 245/35 ZR 20; hinten 11 J x 20, 305/30 ZR 20
Luftwiderstandsbeiwert: 0,30
Basispreis: 124.094 Euro (PDK: + 3.510 Euro)

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

0 Kommentare zu "Porsche 911 Targa 4S im Test: Das klappt ja prima"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%