VW Golf R im Handelsblatt-Test
Es geht auch ohne Anabolika

Sportwagen in der Kompaktklasse, das heißt oft: Spoiler, schräg sitzende Kappe, Wummerbässe, Spiegelbrille. Dass es auch anders geht, beweist der stärkste und schnellste Golf. Das Understatement hat aber seinen Preis.

DüsseldorfA bisserl was geht halt immer. Das war und ist das Motto der Tuner und Serienhersteller begehrenswerter Sportwagen. Und das hat sich auch Volkswagen beim allradgetriebenen Golf R gesagt, der oberen Leistungs- und Antriebsspitze der Modellreihe. Evolution statt Revolution, denn das Produkt ist nach sieben Modellgenerationen Golf schon richtig ausgereift.

Und so reicht eben bisschen mehr als beim Vorgängermodell, und ein bisschen mehr als beim GTI völlig aus, um gewaltig Eindruck bei Fahrern und Passagieren zu schinden. Nicht so sehr bei der Umwelt, denn der 300-PS-Golf bleibt optisch nah dran am GTI, sprich am sachlich-nüchternen Wolfsburger Klassiker für den sport- und spaßorientierten Alltagsfahrer.

Wo andere die Kotflügel verbreitern, mächtig Spoilerwerk aufbauen oder es mit Tieferlegung und Carbonoptik richtig krachen lassen müssen, da reicht dem metallicblauen Testwagen eine sportlich-dezente Note. Man(n) muss schon Kennerblick beweisen und das understatement-kleine R am Heck erkennen, um sicher zu sein; Ja, das ist einer dieser Wölfe im Golfpelz.

In die dösende Herde der Berufspendler mogelt er sich unauffällig mit sattem, aber niemals aufdringlichem Auspuffsound. Erst wenn man die Zurückhaltung am Gasfuß aufgibt wird allen klar: Der zieht ja GTI und Boxster locker weg.

Aus dem Stand auf 100 km/h vergehen gerade mal 5,1 Sekunden, elektronisch eingebremst wird er bei 250 km/h, obwohl mehr drin wäre. Satte 380 Newtonmeter Drehmoment drücken den Fahrer schon ab 1.800 Umdrehungen tiefer in den perfekt passenden Sportsitz, der einen auch in sehr schnellen Kurven angenehm festhält.

Schöner Druck von unten steht schon ab 1.200 Touren zur Verfügung, einen Extra-Punch gibt es ab etwa 3.000 Kurbelwellen-Umdrehungen. Dann bläst der Turbo mit maximalem Ladedruck von 1,2 bar in die Brennräume. Im oberen Drehzahlbereich ist Aufmerksamkeit gefragt, man ist in den ersten drei Gängen meist schneller am Schaltpunkt kurz vor dem roten Drehzahlbereich, als man denkt.

Ein bisschen schneller ginge dies sogar noch mit Schaltpaddles und DSG-Getriebe, aber die im Testwagen verbaute Handschaltung macht den Sportwagen-Spaß ein paar Euro günstiger, und für Traditionalisten hat der manuelle Gangwechsel ja auch durchaus was sinnliches. Allerdings könnten für unseren Geschmack die Schaltwege etwas kürzer, knackiger sein. So wie im Subaru WRX STI.

Es war also gar nicht so schlimm, dass sich die Golf-Gemeinde von zwei Zylindern (im Golf R 32) verabschieden musste. Hatte schon der vierzylindrige Nachfolger stramme 270 PS so sind nun für die vierte R-Generation noch mal 30 Pferdestärken hinzugekommen. Und der Neue umrundet die Nordschleife 15 Sekunden schneller als der Vorgänger, verspricht VW.

Eine weitere technische Kleinigkeit macht für eine kleine Zielgruppe einen großem Unterschied zu allen anderen Gölfen: Der Schleuderschutz lässt sich an sportlichere und extrem sportliche Fahrweisen anpassen sowie vollständig abschalten.

Während Otto Normalverbraucher sich fragt, was das soll, schnalzt der Amateurdrifter mit der Zunge: Nur quer bist wer, sagte schon Rallye-Legende Walther Röhrl. Und ja, dank des stets im Überfluss anliegenden Drehmoments kann man den R zum driften bringen (siehe Video). Aber dieses ebenso spaßige wie verschleißfreudige und nicht für öffentliche Straßen geeignete Thema wollen wir den Spezialisten überlassen, uns reicht völlig, dass es den Race-Modus gibt.

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