IAA-Interview
Mobile Endgeräte auf vier Rädern

Noch bieten Autohersteller nur in Premiummarken Multimedia- und Internetangebote an. Doch in wenigen Jahren sollen solche Services selbstverständlich sein. Ein Interview mit Sabine Fischer, Country Manager und Vorsitzende der Geschäftsführung der Tieto Deutschland GmbH in Eschborn.

Frau Fischer, bisher haben Image, Design, Komfort, PS oder Spritverbrauch die Kunden überzeugt. Was beeinflusst ihre Entscheidung in einigen Jahren?

Sabine Fischer: In der Automobilbranche findet gerade ein Generationenwechsel statt. Autos, so wie wir sie aktuell noch kennen, verlieren dabei langfristig als Statussymbol. Die Generation, die in der digitalen, multimedialen Welt des Internets aufwächst, legt großen Wert auf multimediale Anwendungen und digitale Services. Diese Käufer betrachten das Auto als mobiles Endgerät auf vier Rädern, in dem sie jederzeit und an jedem Ort die digitalen Angebote nutzen können. Heute subventionieren Betreiber noch mobile Endgeräte, um weitere Leistungen verkaufen zu können. Autos kosten auch in Zukunft deutlich mehr als Mobiltelefone. Doch auch Fahrzeuge bekommen dann Subventionen von Unternehmen, die mit digitalen Services ihren Gewinn erwirtschaften.

Ist das Auto auf dem Weg ein mobiles Endgerät zu werden?

Auf jeden Fall erleben wir in den nächsten Jahren die Integration der Mobilitätskonzepte und Kommunikationstechnologien. Das Auto spielt dabei natürlich eine Schlüsselrolle. Die Menschen sind immer weniger bereit, auf ihre gewohnte digitale Umgebung im Auto zu verzichten. Das treibt die Entwicklung voran.

Könnten Sie kurz die schon heute verfügbaren digitalen Services in PKWs skizzieren?

Ein integriertes Angebot hat etwa BMW mit ConnectedDrive. Dieses kann beispielsweise Teleangebote wie Werkstattdienste, mit denen die Werkstatt das Fahrzeug online diagnostiziert und den Nutzern Inspektionstermine vorschlägt, bereitstellen. Der Service verfügt auch über Notruffunktionalitäten, die nach Auslösung des Airbags Notrufsignale an die Zentrale weiterleiten. Auch ein uneingeschränkter Web-Zugang steht zur Verfügung, aus Sicherheitsgründen allerdings nur in stehenden Fahrzeugen. Dienste wie Finde-mein-Auto oder Online-Öffnung nach Schlüsselverlust und Hotel- und Gaststättenadressen ergänzen das Angebot. Daimler und Audi ziehen mit ähnlichen Konzepten bereits nach und auch VW hat mit auto@web ein Pilotprojekt gestartet.

Laut einer jüngsten Gartner-Studie soll Internet in PKWs 2016 selbstverständlich sein. Mit welchen Multimedia- und Informationsdiensten können Autofahrer schon früher rechnen?

Derzeit arbeitet jeder Hersteller an eigenen Lösungen. Wahrscheinlich haben in drei Jahren alle Premiumfahrzeuge einen freien Internetzugang. Dann sollten die meisten Anwendungen, wie wir sie heute vom PC oder von mobilen Endgeräten kennen, auch im Auto funktionieren. Dazu kommen noch fahrzeugspezifische Dienste wie Staumeldungen, Audio-Reiseleitung oder Auto-zu-Auto-Kommunikation. Momentan bereiten die geringen Bandbreiten noch Schwierigkeiten, um gewohnte Übertragungsgeschwindigkeiten zu realisieren. Hier sollte in Ballungsräumen bald UMTS und mit der Weiterentwicklung der Mobilfunktechnologie auch die drahtlose, bandbreitenstarke Netzwerktechnologie LTE nutzbar sein.

Die Anwendungspalette bei mobilen Endgeräten steigt rasant an. Warum lässt das Internet im Auto relativ lange auf sich warten?

Zum einen fehlt eine leistungsfähige Netzinfrastruktur. Außerdem sind die Autohersteller noch nicht gewohnt, branchenübergreifend zu denken. Für solche multidisziplinären Ansätze fehlen noch Strukturen und Prozesse. Um aber Geschäftsmodelle mit Multimedia- und Internetangeboten aufzubauen, brauchen wir nicht nur autozentrierte Services, sondern auch werbefinanzierte Einnahmequellen und andere werthaltige, kostenpflichtige Services und Inhalte. So sollten Fahrer beispielsweise alles, was sie im Auto nutzen möchten, schon vorab über ein Portal zusammenstellen und dann ins Fahrzeug übermitteln können. Wir sehen hier also nicht mehr die klassische Killer-Applikation als Schlüssel zum Markt, sondern die "Killer-Infrasktruktur", die konvergent um den Nutzer herum funktioniert.

Wer kann solche doch komplexen Geschäftsmodelle mit vielen beteiligten Partnerunternehmen vorantreiben? Wo sehen Sie dabei die Rolle Ihres Unternehmens?

Hier müssen Automobil- und Endgerätehersteller, Netzbetreiber, Integratoren und Anbieter von Inhalten und Services an einem Strang ziehen. Das erfordert vor allem hohe Koordinations- und Schnittstellenkompetenz. In dieser Rolle sieht sich Tieto. Derzeit formieren sich schon sogenannte Automobil-Technologie-Cluster, die wir aktiv unterstützen. Tieto transferiert dabei seine Erfahrungen als Engineering- und IT-Dienstleister für die Telekommunikation in den Automobilsektor.

Das Gespräch führte Werner Bruckner.

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