Kampf gegen Stickoxid Was die Diesel-Nachrüstung so schwierig macht

Umweltverbände und der ADAC wollen alte Diesel mit Harnstoff-Katalysatoren nachrüsten. Die Autoindustrie ist skeptisch, dass das gelingt.
  • Holger Holzer
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  • Spotpress
Diesel-Nachrüstung - Eine Lösung mit vielen Unbekannten Quelle: ADAC
Wie sauber kann der Diesel werden?

Mit SCR-Katalysatoren kann der Stickoxid-Ausstoß deutlich gesenkt werden, sagt der ADAC.

DüsseldorfNeben Fahrverboten gilt vor allem die Nachrüstung von Abgasreinigungstechnik als Lösungsansatz für das Stickoxidproblem von Diesel-Pkw. Der ADAC hat die grundsätzliche Wirksamkeit der SCR-Katalysatoren nun nachgewiesen. Trotzdem gibt es noch zahlreiche offene Fragen bei der Hardware-Nachrüstung.

Technische Probleme: Der ADAC hat lediglich Prototypen getestet. Marktreif sind die Systeme noch nicht. Problematisch sind unter anderem die korrekte Steuerung der Harnstoff-Dosierung in allen Situationen und auch das Absichern gegen Ammoniakschlupf und Lachgasbildung. Beide Verbindungen wären wohl noch gefährlicher als NOx und CO2. Die Hersteller der Nachrüstsysteme zeigen sich zwar optimistisch, dass es Ende des Jahres Katalysatoren für einzelne Modelle geben könnte. Das gilt aber nur, wenn die Politik konkrete gesetzliche Rahmenbedingungen festlegen und die Autohersteller die Serienentwicklung unterstützen.

Bislang zeigen diese aber wenig Interesse daran. Laut den Experten des Automobilclubs ist die SCR-Nachrüstung prinzipiell bei fast allen Euro-5-Fahrzeugen möglich. Jedoch gibt es durchaus Ausnahmen und Fahrzeuge, wo der nachträgliche Einbau eines zusätzlichen Reinigungssystems sehr aufwändig wäre. In der Praxis würde daher wohl zuerst mit den leichten Fällen und vor allem mit weit verbreiteten Motorenfamilien begonnen werden. Schon die Erfahrung mit den Nachrüst-Partikelfiltern für Diesel hat gezeigt, dass es Jahre dauern kann, bis für alle Fahrzeuge die passende Technik zur Verfügung steht.

Wer zahlt wie viel für alte Diesel?
BMW gewährt Neufahrzeugkunden bis Ende 2017 eine sogenannte Umweltprämiere in Höhe von 2.000 Euro beim Kauf eines neuen BMWs mit einem CO2-Ausstoß von maximal 130 Gramm pro Kilometer.
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Wer sich für das Elektromobil i3 entscheidet, kann als Neufahrzeugkunde zusammen mit dem Umweltbonus der Bafa auf eine Prämiensumme von 6.000 Euro kommen.

Angerechnet auf den Neuwagenpreis werden die 2.000 Euro von BMW bei der Inzahlungnahme eines Gebrauchten Dieselautos mit Euro-4-Abgasnorm oder schlechter. Am 1. Januar zählte das Kraftfahrtbundesamt rund 3,5 Million Diesel der Schadstoffklasse Euro 4. Diese Fahrzeuge sind mindestens 11 Jahre alt.

Unabhängig davon haben Käufer eines i3 zusätzlich noch die Möglichkeit, bei der Bafa die Fördermittel für E-Mobile in Höhe von 4.000 einzufordern.

Toyota CH-R
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Wer bei Toyota jetzt einen gebrauchten Diesel in Zahlung gibt und einen neuen Hybrid (Yaris, Auris, Rav4, C-HR oder Prius) kauft, bekommt von den Japanern nicht nur die übliche Hybrid-Prämie von 2.000 Euro, sondern die gleiche Summe noch einmal für den alten Selbstzünder obendrauf.

Wer einen alten Diesel für einen Neuwagen in Zahlung geben will, kann sich auch bei Nissan eine Abwrackprämie sichern
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Nicht nur den Kauf eines neuen Elektroautos erleichtert der Autohersteller mit einer attraktiven Wechselprämie – vom „Nissan Diesel Deal“ profitieren ab sofort auch Kunden, die sich für ein konventionell angetriebenes Modell entscheiden. Wer seinen Euro-1- bis Euro-3-Diesel verschrotten lässt oder seinen Euro-4-Diesel in Zahlung gibt, erhält beim Kauf eines neuen Modells bis zu 6.500 Euro Wechselprämie.

Der Deal gilt beim Kauf der Modelle Micra (4.000 Euro Prämie), Juke, Pulsar, Qashqai (jeweils 5.000 Euro Prämie) und X-Trail (6.500 Euro Prämie). Voraussetzung ist der Abschluss eines Kaufvertrags bis zum 30. September 2017.

Weiterhin im Angebot bleibt die Wechselprämie beim Kauf eines neuen Elektroautos. Zur Wahl stehen der Leaf und der Kleintransporter e-NV200, der auch in der Pkw-Variante e-NV200 Evalia angeboten wird. Zusammen mit dem staatlichen, von Nissan auf bis zu 5.250 Euro aufgestockten Elektrobonus ergibt sich eine Ersparnis von bis zu 7.250 Euro.

Noch mehr gibt es unter Umständen bei Ford zu holen
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Wer bei den Kölnern nun einen Diesel mit Euro-1-, 2- oder 3-Norm bis Baujahr 2006 abgibt und sich noch dieses Jahr für einen neuen Ford entscheidet, kann zwischen 2.000 und 8.000 Euro Alt-Diesel-Prämie absahnen. Dafür kümmert sich Ford um eine kostenlose Verschrottung des alten Stinkers – so will das Unternehmen zu besserer Luft beitragen. 

Bei der Abwrackprämie für ältere Diesel-Fahrzeuge zieht Opel nach
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Die deutsche Tochter des französischen PSA-Konzerns bietet den Besitzern älterer Dieselautos der Abgasnorm Euro 4 und niedriger modellabhängige Prämien an, wenn sie einen Opel-Neuwagen kaufen.

Der „Umweltbonus“ beträgt zwischen 1750 Euro beim Kleinstwagen Karl und 7000 Euro beim Spitzenmodell Insignia. Der Käufer muss seinen Alt-Diesel verschrotten lassen.

Hyundai: 10.000 Euro Nachlass auf den Grand Santa Fe
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Hyundai bietet Käufern eines Grand Santa Fe im Rahmen der Aktion „Green Deal“ bei Abgabe eines alten Diesel-Pkw bis zum 31. Dezember 2017 einen Nachlass von 10.000 Euro auf den Kaufpreis. Darüber hinaus bekommt der Kunde bei Inzahlunggabe eines Euro 4-Dieselmodelles beim teilnehmenden Händler noch den Zeitwert für das Altfahrzeug angerechnet.

Angetrieben wird das siebensitzige SUV mit serienmäßigem Allradantrieb und Sechs-Gang-Automatik von einem 2,2-Liter-Dieselmotor mit 147 kW / 200 PS. Die Preisliste beginnt bei 47.900 Euro.

Auch Renault bietet ab sofort beim Kauf eines Neuwagens unter dem Motto „Tschüss, alter Diesel!“ eine Wechselprämie von bis zu 7.000 Euro an.
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Die Franzosen wollen mit ihrer Aktion nach eigenen Angaben Anreize schaffen, alte Dieselfahrzeuge durch Fahrzeuge mit moderner Abgasreinigung zu ersetzen. Die Konditionen sind wie bei den anderen Herstellern: Die Prämie wird Privatkunden auf den Kaufpreis eines neuen Renaults angerechnet, wenn ein alter Diesel-Pkw mit Abgasnorm Euro 4 oder älter in Zahlung gegeben wird.

Rechtliche Probleme: Auch die Bürokratie könnte zum Stolperstein für nachrüstwillige Dieselfahrer werden. Unter anderem deshalb: Weil durch die Veränderung an Motor und Abgassystem der Verbrauch um rund einen Viertelliter steigt, erfüllt das Auto nicht mehr die Vorgaben der Typzulassung. Eigentlich dürfte es also nicht auf die Straße. Eine erneute Typzulassung wäre ohne weiteres auch nicht möglich, da das Fahrzeug auch nach der Kat-Nachrüstung maximal die für Typzulassungen nicht mehr zulässige Abgasnorm Euro 5 erfüllt. Für das Problem ließe sich durch Einzelzulassungen oder neue Regelungen von Seiten der Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) vielleicht eine Lösung finden. Doch die würde nur in Deutschland gelten. Ein Verkauf des Autos ins Ausland wäre dann nicht mehr möglich.

Finanzielle Probleme: Die Kosten für den Einbau eines Nachrüst-SCR-Katalysators beziffert der ADAC unter Berufung auf die Anbieter mit 1.400 bis 3.300 Euro je nach Motor und Fahrzeug, schätzt aber, dass sie in der Praxis wohl im oberen Drittel der Spanne liegen werden. Offene Fragen gibt es noch bei Details zur Garantie, wobei die Nachrüster diese im Grundsatz übernehmen würden. Wer den Umbau im Motorraum bezahlt, ist allerdings noch völlig unklar. Zu den Kandidaten zählen die Fahrzeughalter, die Allgemeinheit oder die Fahrzeughersteller. Letztere lassen bislang allerdings keine Bereitschaft erkennen. Denkbar wäre auch eine anteilige Kostenübernahme durch alle drei Parteien.

Ökonomische Probleme: Diesel werden vor allem im Dienstwagenbereich gefahren. Dort ist es nicht unüblich, das Fahrzeug nach drei oder vier Jahren, je nach Laufleistung, zu wechseln. Für die Erstbesitzer lohnt sich die Umrüstung demnach nicht mehr, steht doch ohnehin kurzfristig ein neues Fahrzeug an. Ob es sich lohnt, die gebrauchten Euro5-Diesel zu Kosten, die schnell 20 Prozent des Zeitwertes oder mehr betragen, umzurüsten, ist fraglich. Einfacher ist wahrscheinlich ein Verkauf ins weniger NOx-kritische Ausland. Das Abgasproblem wäre nicht gelöst, sondern verlagert.

Unterm Strich wäre eine Katalysator-Nachrüstung – ob zwangsweise oder freiwillig – wohl keine kurzfristige Lösung für die Innenstädte von Stuttgart, Düsseldorf, München und Co. Allein bis die rechtlichen Grundlagen geschaffen und die technischen Probleme gelöst sind, dürfte viel Zeit ins Land streichen. Geduld würde wohl auch die Anpassung der Systeme an die Vielzahl der unterschiedlichen Dieselmotoren benötigen, gar nicht zu reden von dem Stau in den Werkstätten, wenn plötzlich tausende Dieselfahrer nachrüsten wollten.

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1 Kommentar zu "Kampf gegen Stickoxid: Was die Diesel-Nachrüstung so schwierig macht"

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  • Man kann nur hoffen, dass die Hürden auf dem Weg zu einer Nachrüstung von Euro-5-Dieselautos nicht ganz so hoch sind wie hier beschrieben. Würde nicht sonst der Druck zunehmen, die Besitzer älterer Diesel für den Wertverlust ihrer Autos zu entschädigen? Und man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass eine finanzielle Kompensation der Besitzer teurer käme als eine zeitnahe Ertüchtigung ihrer Autos.

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