Mille Miglia
Kniefall vor einer roten Ikone

Die legendären Mille Miglia ist in Wirklichkeit kein Rennen, sondern ein Fest. Das weltweit schönste Fest des Automobils. Einmal mit einem Ferrari mitfahren und mitfeiern: Das ist der Traum jedes Autofans. Für den Italiener und Handelsblatt-Kolumnisten Paolo Tumminelli wurde er wahr.

Die Farbe passt. Rot ist der Pfeil der Mille Miglia, und rot ist der Wagen, der vor dem Tor des Maranello-Werks auf uns wartet. Ein ganz normaler Ferrari, denke ich, wären da nicht die markanten Aufkleber, die auf das 60-jährige Jubiläum des Rennstalls hinweisen. Zwar sind wir offiziell nicht im Rennen, die Kriegsbemalung ist dennoch angebracht. Drei Tage lang wollen wir 375 Rennautos, gebaut zwischen 1927 und 1957, über tausend Meilen lang auf italienischen Landstraßen verfolgen.

Die erste Fahrt nach Brescia gilt als vorsichtiges Kennenlernen, ganz nach der Empfehlung Giannino Marzottos, des Gentleman-Driver, der 1950 und 1953 im Ferrari die Mille Miglia gewann. Unser Wagen fährt brav im Automatik-Modus, während ich eruiere, wo die Schmerzgrenze meines Kopiloten liegt – falls später eine Kurve zu eng werden sollte. Er sagt, er freue sich darauf. Glück gehabt.

In Brescia herrscht die gewöhnliche Aufregung, die Rennautos werden geprüft, die Tribüne auf dem Viale Rebuffone für den Start klar gemacht. Wir holen unsere Pässe, schauen uns im Piazza della Loggia beim Check-in um und warten, bis der Abend kommt. Um Punkt 20 Uhr startet der erste Wagen. Wie die Tradition es will, ein OM aus Brescias berühmter Officine Meccaniche. Sobald ein paar Bugattis und Alfas unterwegs sind, legen auch wir los. In der Dämmerung mischt sich das Rennen mit dem Abendverkehr Richtung Gardasee, eigentlich nichts Spektakuläres.

In Desenzano, der ersten Ortsdurchfahrt, wärmt sich die Atmosphäre auf: Menschen, Polizei, Kameras, Abgase, Geräusche. Den Weg nach Verona erleben wir im Stil der Vorkriegsfahrzeuge: Einem Streifenwagen folgend, driften sie in den Kurven, überholen bei dichtem Gegenverkehr, bremsen ganz quer. Verrückt, gefährlich und irgendwie lustig. Wir bleiben gelassen, dann klingelt es. Hauptrennkommissar Francesco Chiolo wartet schon in Ferrara, wo wir die Ankunft der ersten Autos gemeinsam erleben wollen. Ich: „Meinst du, man darf einen Wagen mit blauem Licht überholen?“ Er: „Mach es.“ Nichts passiert. Liebenswürdige Polizei!

Ferrara ist proppenvoll, der richtige Weg auf die Piazza gesperrt, eine Polizistin lässt uns gegen die Einbahnstraßen-Richtung fahren. Die Etappenzeremonie hält Überraschungen bereit: Dank Dunkelheit und gefälschten Startnummern schafft es mancher normale Oldtimer fast bis aufs Podium. Ein allzu häufiges Spiel, wie wir in den kommenden Tagen feststellen werden. Tausend Klassiker sind unterwegs, und auf jeden echten Teilnehmer kommen mindestens fünf Schwarzfahrer. Von wegen Millionär-Rennen: die eintausend Meilen darf jeder mitfahren, ganz umsonst.

Der nächste Tag verspricht hinreißend zu werden. Vor dem Hotel bereiten sich die Boliden auf den Start vor. Für unsere moderne Berlinetta erwartete ich eigentlich keine große Aufmerksamkeit. Trotzdem, aus dem Ferrari 315 S, mit dem ihr Vater die 1957 die Mille Miglia gewann, lächelt uns Prisca Taruffi freundlich an. Wir folgen ihr.

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