PCC-System von Volvo
100 Prozent Angst

Gewöhnlich bietet die Marke Volvo viel Sicherheit. Beim neuen S80 allerdings findet sich mit dem PCC-System eine zweifelhafte Innovation.

Die Szene hat jeder schon einmal in einem B-Movie gesehen: Eine Frau geht durch die Tiefgarage, selbstverständlich ohne das Licht einzuschalten, und findet irgendwann ihr Auto. Sie steigt ein, versucht zu starten, der Motor will aber nicht. Und jetzt erscheinen erst die schwarzen Handschuhe und dann er, der Bösewicht, der auf der Rückbank auf sein Opfer wartet.

Die Konsequenz ist bekannt: Aus einer filmischen Banalität hat sich ein kollektiver Alptraum entwickelt. Deshalb gibt es in Deutschland Frauenparkplätze, die sicherer sind als Männerparkplätze. Eine sinnvolle Initiative - und gleichzeitig eine Ausnahme. In Durban, Süd-Afrika, so berichtet Freund Garth Walker, Gründer von Orange Juice Design, werden diesbezüglich keine Geschlechtsunterschiede gemacht. Auch auf Handschuhe wird gerne verzichtet: Gibt man Schlüssel und Code nicht her, wird man sofort erschossen. Ganz einfacher Alltag von Autodieben, seitdem es Satelliten-Alarmanlagen gibt.

Töten für ein Auto: Für Fahrer und die Autoindustrie sind manche Länder ein richtiges Problem geworden. Zumal seit dem 11. September Angst und somit Sicherheit ein Megatrend sind, der im Hinblick auf das Automobildesign sofort aufgenommen wurde. Post-Nine-Eleven Autos in Panzer-Ästhetik sind bereits auf der Straße zu sehen: hoch, kantig, wuchtig, mit viel Blech und wenig Glas. Man nehme die Serienlimousinen von Chrysler und Cadillac als Beispiel.

Damit nicht genug: auf Fiesta-Basis präsentierte Ford 2005 den Prototyp Synus als Stadtauto-Vision. In seinem "tough design" sieht der kompakte Wagen aus wie ein Geldtransporter, für dessen unverglaste Heckklappe der Tresor der Deutschen Bank Modell stehen musste. Vom Käfer zum Käfig: eine furchtbare Vision des künftigen Lebens im Automobil. Da hat sich Volvo - ebenfalls Ford Motor Company - etwas anderes einfallen lassen: Nicht die Automobilarchitektur, sondern ein kleines elektronisches Gerät soll dem Sicherheitsbedürfnis der Kunden entgegen kommen. Das PCC genannte "Personal Car Communicator System" sieht aus wie eine normale Fernbedienung. Damit lässt sich allerdings auch jederzeit abfragen, ob das Auto wirklich verschlossen und gesichert wurde - das PCC hält diese sicherheitsrelevanten Informationen stets bereit.

Und jetzt der Clou: Innerhalb eines Umkreises von 250 Metern um das Auto lässt sich so per Knopfdruck ein Herzschlagsensor aktivieren, der den Innenraum des Autos nach unerwünschten Gästen durchsucht. Als wundervolle psychologische Nebenwirkung verspricht PCC die Erlösung von jeglicher Tiefgaragenpanik.

Und nicht nur das: Manch ein Zyniker sagt bereits, dass einem mit PCC damit noch weiter geholfen wäre. Zum Beispiel beim Prüfen, ob das im Auto vergessene Haustier noch lebt. Umgekehrt muss man sich auch vorstellen wie es wäre, wenn der Sensor einmal nicht richtig vorwarnen sollte. Wird der Hersteller im Schadensfall haften müssen?

Hundertprozentige Sicherheit, das bestätigt jeder kompetente Sicherheitsberater, gibt es nicht. Hundertprozentige Angst kann man aber sehr wohl fühlen. PCC hilft dabei - mit jedem Knopfdruck. Trotz aller Achtung für die witzige Idee: mir kommt es so vor, als ob das Ende eines Alptraums mit einem neuen Alptraum beginnen soll.

Der Autor, Paolo Tumminelli, ist Goodbrands-Geschäftsführer und Designprofessor an der FH Köln

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%