Regionale Modellversuche
Teure Aushängeschilder für E-Autos

Der Aufbau der Modellregionen, in denen bis zu 100.000 E-Autos in Deutschland getestet werden sollen, läuft an. Das ist ebenso einmalig wie umstritten.  Eine Abstimmung der acht Projekte untereinander fand nicht statt.
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DüsseldorfEs ist ein stürmischer Sommerabend im Gasometer in Berlin-Schöneberg. Draußen rast der Wind durchs Industriedenkmal, drinnen skizziert der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit mit routinierter Pose Industriepolitik. In nur wenigen Minuten referiert sich Wowereit in die Zukunft des Automobilbaus - die Elektromobilität. "Berlin will da nicht nur dabei sein", sagt er. "Berlin hat alle Chancen, zum deutschen Aushängeschild zu werden." 

Berlin, die autokonzernfreie Stadt als Avantgarde der deutschen Autoindustrie? Wie die Chinesen die Autonation Deutschland, so will Wowereit nun die hiesigen PS-Metropolen - Stuttgart (Daimler, Porsche), München (BMW), Köln (Ford) oder Frankfurt (Opel) - per Elektroauto überholen. Weil bar jeder Autofabrik, solle Berlin dann eben "herstellerneutral" Deutschlands E-Mobilitäts-Dorado werden. "Wir sind schon heute", schwärmt Wowereit, "das größte Labor in Deutschland." 

Viele Überschneidungen: 8 regionale E-Auto-Schaufensterprojekte

Das Wettrennen um die Teilnahme an einem historisch ebenso einzigartigen wie umstrittenen industriepolitischen Projekt geht in die entscheidende Runde. Wie Berlin buhlen derzeit auch andere Bundesländer darum, eines von einer Handvoll "Schaufenstern" für den Rest der Welt werden zu dürfen. So nennt sich die Idee, mit der die "Nationale Plattform Elektromobilität" (NPE) Deutschland zu einem "Leitmarkt" für Elektromobilität machen will. Das Gremium aus Vertretern von Regierung, Autoindustrie, übriger Wirtschaft und Verbänden sinniert seit gut einem Jahr über die Zukunft Deutschlands im Elektroautozeitalter. 

Geht es nach dem von der Bundesregierung initiierten politindustriellen Komplex, sollen demnächst Mammutprojekte mit insgesamt bis zu 100.000 Elektrofahrzeugen die Stärke Deutschlands auf diesem Feld zeigen. Wichtiger Treibstoff sollen einige Hundert Millionen Euro staatlicher Fördermittel sein. Doch ob die Schaufenster überhaupt den versprochenen Nutzen bringen, ist die große Frage. Denn die Projekte sollen teilweise mehrere Jahre laufen. Zudem hat es einen dermaßen umfassenden Zusammenschluss von Staat und Unternehmen zur Einläutung eines neuen technischen Zeitalters noch in keiner Marktwirtschaft gegeben. Was, wenn die Autoindustrien anderer Länder längst Fakten schaffen und Märkte mit ihren Fahrzeugen erobern, während Deutschland noch im XXL-Maßstab die Elektromobilität als solche erforscht? 

Kommentare zu " Regionale Modellversuche: Teure Aushängeschilder für E-Autos"

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  • Am Ende erhält doch eh Berlin Milliardensubventionen - dann kann man vom neuen Hauptstadtflughafen zum Stadtschloss mit einem E Auto fahren. Klar, dass Herr Wowereit auch hier Projekte finanziert bekommt - vielleicht kann man das ja mit der Übernahme der Charite verbinden. Eins ist aber sicher: in Berlin werden nie marktfähige Konzepte entwickelt. Die letzten Milliarden sind auch versickert.

  • Elektroautos erhoehen den CO2-Ausstoss Deutschlands und die Luftverschmutzung. Egal, wie viel regenerative Energiekapazitaeten wir in den naechsten Jahrzehnten aufbauen, 10%, 20% oder 40% unseres Stromverbruachs: Je mehr Elektroautos, desto laenger muessen die schmutzigsten unserer alten Kohlekraftwerke am Netz bleiben. Jeder weiss, das Erdgas weniger CO2 und Schadstoffe pro kWh macht als Oel/Benzin, und Oel/Benzin wiederum deutlich weniger macht als Kohle. Die teure Umstellung vom Benzinauto auf das Kohleauto ist also ein Rueckschritt. Subventionieren kann man das aus der Steuerzahlerkasse trotzdem, macht man ja auch bei anderem Unsinn.

  • Elektroautos sind heute schon alltagstauglich und werden sich auch ohne teure Schaufensterpolitik nach und nach durchsetzen.
    Die Akkus werden immer besser und billiger, und es kommen immer mehr Anbieter auf den Markt sodaß die Fahrzeugpreise sinken.

    Die Politik könnte sehr preiswert für bessere Rahmenbedingungen sorgen, z.B. durch Schaffung eines Rechtsanspruchs auf Einbau einer Lademöglichkeit am Stellplatz für Mieter.

    Aber damit lässt sich ja nicht so schön öffentlichkeitswirksam Steuergeld zum Schaufenster rauswerfen...

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