„Verführer“ Fahrerassistent
Bloß nicht den Verstand verlieren

Fahrerassistenzsysteme im Auto sind schlau: Sie bremsen, lenken, halten die Spur. Woran es den elektronischen Unfallverhütern mangelt, ist ein Verantwortungsbewusstsein. Das hat nur der Mensch. Und der sollte es nie zu Hause lassen.
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dpa/tmn BERLIN. "Hallo Partner - danke schön": Mit diesem Slogan forderte der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) Anfang der 70er Jahre Autofahrer zu mehr Rücksicht im Straßenverkehr auf. Mit dem Appell an die Vernunft jedes Einzelnen wollten die Initiatoren einen Rückgang der Unfallzahlen bewirken. Denn damals krachte es in neun von zehn Fällen, weil Fahrer Verkehrssituationen oder ihre eigenen Fähigkeiten falsch einschätzten.

Diese menschlichen Schwächen kann heute häufig die Fahrzeugtechnik ausgleichen: Assistenzsysteme mischen sich wie gute Geister ein, wenn der Fahrer versagt. Sie verhindern Unfälle oder mindern deren Schwere. Die Hallo-Partner-Kampagne büßt dadurch allerdings nichts an Aktualität ein. Denn eine verantwortungsvolle Fahrweise ist durch Hightech nicht zu ersetzen.

"Der Mensch bleibt das intelligenteste Sicherheitssystem im Auto, dessen sollte er sich stets bewusst sein", sagt DVR-Sprecher Sven Rademacher. Am Nutzen moderner Fahrerassistenzsysteme zweifelt er dabei nicht. Rademacher stellt weder elektronische Helfer infrage, die automatisch Notbremsungen einleiten, wenn es eng wird, noch Systeme, die Kollisionen beim Spurwechsel verhindern oder ein Fahrzeug bei panischen Lenkmanövern stabilisieren. Das alles sollte am besten jeder Wagen an Bord haben, um Gefahrensituationen zu entschärfen, so der DVR-Sprecher. Nur dürfe sich niemand blind darauf verlassen und sich aus der Verantwortung stehlen - getreu dem Motto: Die Technik wird"s im Notfall schon richten. "Ein solcher Effekt wäre fatal", betont Rademacher.

Es mangelt am richtigen technischen Verständnis

"Elektronische Assistenten können durchaus dazu führen, dass sich bei Autofahrern die Risikoschwelle verschiebt", erklärt Prof. Claus Wolff, Vorsitzender der Kommission Verkehrswesen beim Verband der TÜV (VdTÜV). Gerade junge Menschen mit wenig Fahrerfahrung neigen laut Wolff zu einer eher leichtsinnigen Fahrweise. Eine falsche Auffassung vom Sinn und Zweck der Fahrerassistenten könnte da schnell zu Unfällen führen, die die Systeme eigentlich verhindern sollen. "Denn auch die Fahrerassistenten unterliegen den Gesetzen der Physik und können nicht jedes Übel abwenden", so der Experte. Bei überhöhtem Tempo etwa lässt sich auch mit den reaktionsschnellsten Systemen der Aufprall auf ein Stauende nicht verhindern, weil ein bestimmter Bremsweg bis zum Stillstand erforderlich ist. "Das Rasen machen sie nicht sicherer", betont Wolff.

So wie ein eingebauter siebter Sinn

Deshalb sieht er die Automobilhersteller und Händler, aber auch Verkehrssicherheitsorganisationen und Fahrschulen in der Pflicht: Sie sollten Autofahrer noch viel intensiver über die genaue Funktion und Wirkung einzelner Fahrerassistenten aufklären, als dies bisher geschehe. "Die Kunden müssen wissen, wofür sie Geld ausgeben, wenn sie in Technik investieren, die sie im normalen Fahrbetrieb gar nicht wahrnehmen", sagt auch Ulrich Klaus Becker vom ADAC. Er bedauert, dass viele Händler die Assistenzsysteme selbst nicht erklären könnten - "deshalb verkaufen sich Audiosysteme und Lederausstattungen in der Regel leichter".

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