Verkehrsunfälle
Moderne Autos erschweren die Rettung

Moderne Autos sind zwar sicherer als je zuvor. Doch der Materialmix und neue Antriebsarten machen es Rettern zunehmend schwer, Verletzte zu befreien.
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DüsseldorfKühlerhaube, Stoßfänger und Motor abgerissen, die Kotflügel in der Wiese verstreut: Die Trümmer des Sport-Cabrios, dem sich die Retter der Grevenbroicher Feuerwehr bei einem Nachteinsatz näherten, ließen das Schlimmste erwarten. Wenige Kilometer vor der Düsseldorfer Stadtgrenze war der Audi TT von der Straße abgekommen und über einen Erdwall – wie über eine Rampe – rund 70 Meter weit in ein Feld geschossen, bevor er nach mehreren Überschlägen zum Stillstand kam.

"So wie das Wrack aussah, war nicht zu erwarten, dass jemand den Crash überlebt hat", sagt Einsatzleiter Heinz-Wilhelm Becker. Tatsächlich aber fanden die Retter den Fahrer inmitten ausgelöster Airbags zwar schwer, aber nicht tödlich verletzt. Was den Mann gerettet habe, sei die extrem stabile Fahrgastzelle des modernen Wagens, sagt Becker. "In einem fünf Jahre älteren Auto hätte er wohl nicht überlebt."

Trotz des glimpflichen Ausgangs bereitet der Einsatz dem Rettungsprofi noch immer Kopfzerbrechen. Denn stabile Autos, die einerseits das Überleben sichern, werden zunehmend zum Hindernis für die Helfer. Im Falle des Audi leisteten sowohl die hochfesten Stähle im Frontscheibenrahmen als auch die gehärteten Metalle in den Türen dem Schneidgerät lange Widerstand.

Der Kampf mit der Zeit treibt Retter, Mediziner und Unfallforscher bundesweit um. Sie verfolgen mit Sorge, dass die Dauer zwischen Crash und Abtransport der Verletzten ins Krankenhaus umso länger wird, je neuer die Autos sind. Denn nicht nur härtere Stähle, die die Fahrgastzelle schützen und heute selbst Smart-Fahrern bessere Überlebenschancen bieten als manche Nobellimousine ihren Passagieren vor 20 Jahren, verkomplizieren die Rettung. Dazu kommt ein immer komplexerer Materialmix im Karosseriebau. Zudem erschwert die Vielzahl alternativer Antriebe – vom Gas- bis zum Hybridmotor – die Arbeit der Retter.

Bei Anfang der neunziger Jahre gebauten Fahrzeugen liegt die Rettungsfrist zwischen Unfall und Abtransport in 40 Prozent der Fälle unter 50 Minuten, hat Unfallforscher Thomas Unger vom Technik Zentrum des ADAC im bayrischen Landsberg ermittelt. Bei nach 2005 gebauten Fahrzeugen dagegen sind die Unfallopfer in 40 Prozent der Fälle erst nach mehr als einer Stunde auf dem Weg ins Krankenhaus.

Selbst bei leichten Verletzungen arbeitet die Zeit gegen die Helfer. "Mit der Dauer der Rettung steigt die Wahrscheinlichkeit späterer Komplikationen", mahnt der langjährige Notarzt und Rettungsexperte Rainer Zinser. Der Unfallchirurg ist leitender Oberarzt der Oberschwabenklinik in Wangen. "Der Zielkonflikt zwischen schneller medizinischer Behandlung und schonender Rettung verschärft sich."

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