Test + Technik
Volvos Schneewittchensarg P1800 ES

Sie nennen es Facelift: Die Auto-Designer nehmen sich ein leicht angegrautes Modell vor, um es aufzupeppen. Die erhoffte Folge ist, dass sich der eine oder andere Käufer doch noch für den Wagen entscheidet.

dpa/gms GÖTEBORG. Kurz darauf erscheint ein Nachfolger, und die Sache ist vergessen. Auch bei Volvo hatte man Ende der Sechziger einen entsprechenden Plan - und war wohl verwundert über die Folgen: Die Auffrischungsaktion schuf einen Klassiker, der seine Basis in den Schatten stellt: den P1800 ES, auch Schneewittchensarg genannt.

Bekannt ist und war Volvo vor allem für trutzige Limousinen. Aber gelegentlich gönnten sich die Schweden auch etwas Sportlichkeit. Ende der Sechziger hieß das entsprechende Auto P1800 - und war vor allem optisch nicht mehr zeitgemäß: Andeutungen von Heckflossen erinnerten an eine Blechmode, die längst das Zeitliche gesegnet hatte. Vorne sah der Wagen ähnlich überholt aus: Während alle Welt auf rechteckige Scheinwerfer setzte, hatte der P1800 runde Leuchten samt Chromrand.

Das erste Serienmodell des Coupés war 1961 vom Band gerollt. Eine Zeit lang genoss der P1800 Prominenz, kreuzte doch Schauspieler Roger Moore in seiner Rolle als Simon Templar mit dem Wagen über die Leinwände. Mit der Zeit verblasste dieser Ruhm, und auch die Form wirkte immer blasser. Man retuschierte hier und da, aber so richtig half das nicht. Die Alternative, ein komplett neues Modell zu präsentieren, schied nach einem Blick in die Firmenkasse aus.

Also kam man auf eine andere Idee: Chefdesigner Jan Wilsgaard sollte das Coupé mit möglichst wenig Aufwand auf Vordermann bringen. Man entschied sich für eine Art sportlichen Kombi, und der Designer präsentierte zwei Studien unter den Namen Beach Car und Rocket. Rocket war der Extrementwurf: Das Heck erinnerte nicht mehr im Entferntesten an die Wurzeln des Coupés. Dessen barocke Formen wurden ersetzt durch eher glatte Blechflächen und eine nahezu steil stehende Glas-Heckklappe - zu modern für die Volvo-Chefs.

Besser anfreunden konnten sich die Herren mit dem Beach Car. Diese Studie war optisch nahe an dem, was im August 1971 auf den Markt kam. Wilsgaard hatte dem Coupé neuen Schwung gegeben. Was den P1800 ES so besonders machte, war vor allem Glas: Große Seitenscheiben unter dem lang gezogenen Dach sorgten für bessere Sicht. Wahrzeichen des ES ist aber die komplett aus Glas gefertigte Heckklappe.

Alles in allem wurde die Form derart aufgefrischt, dass der Volvo als echter Blickfang galt. Nicht jeder fand ihn schön, aber jeder guckte hin. Bald hatte der P1800 auch einen Spitznamen, der heute bekannter als die Werksbezeichnung ist: Ein fantasievoller Geist fühlte sich von dem rollenden Glashaus an einen Schneewittchensarg erinnert. Überraschenderweise sorgte der Begriff Sarg hier nie für ein schlechtes Image.

Ganz allein wollte Volvo dem Neuen das Feld vorerst jedoch nicht überlassen. Daher lief die bekannte Version des Coupés weiter vom Band. Zuvor hatte das nun 1 800 E genannte Auto einen Einspritzmotor bekommen, der auch den ES antrieb. Der 2,0-Liter leistete 91 kW/124 PS und trieb den Sportkombi auf bis zu 185 Stundenkilometer.

Auch bei den Kunden kam der Schneewittchensarg gut an. Trotzdem blieb er eine Episode. Nachdem der Coupé eingestellt war, lief 1973 nur noch der ES vom Band - bis am 27. Juni jenes Jahres auch für ihn Schluss war. Bis heute jedoch ist der Schneewittchensarg unvergessen und einer der bekanntesten Volvos überhaupt. Verbliebene Exemplare im Bestzustand werden wegen der einzigartigen Form und auch wegen ihrer Seltenheit zu Preisen weit oberhalb der 30 000-Euro-Marke gehandelt.

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