Vom Biedermann zum Bollerwagen
Ford Focus RS: Der Kraftprotz in der Golfklasse

Klimasorgen, Spritpreisrallye, Steuerlasten und Konsumflaute - viel Spaß haben Autofahrer derzeit wirklich nicht. Doch Ford ist offenbar die Krise leid und macht jetzt gute Miene zum bösen Spiel.
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dpa-infocom HAMBURG. Als Stimmungsmacher und Spaßmaschine bringen die Kölner im Sommer den neuen Focus RS auf den Markt. Als solle er all den dunklen Wolken am Autohimmel mit Vollgas davonfahren, wird der Kraftprotz aus Köln zum stärksten und schnellsten Modell der Palette. Damit düpiert er nicht nur Mondeo & Co., sondern lässt auch Konkurrenten wie den VW Golf GTI oder Opel Astra OPC hinter sich und schließt zu den waschechten Sportwagen auf.

Dafür mussten die Ingenieure aus der Motorsportabteilung allerdings kräftig Hand anlegen. Ein Team von mehr als 100 Experten hat aus dem biederen Bestseller eine radikale Rennsemmel geformt, bei der kaum ein Teil auf dem anderen blieb. Das sieht man bereits auf den ersten Blick an der Karosserie. Der Rahmen ist noch der alte, und auch Dach und Türen wurden übernommen. Doch die Front wirkt sehr viel aggressiver, die jeweils drei Zentimeter nach außen gerückten Flanken tragen dicke Muskelpakete wie ein Rennpferd. Kotflügel und Motorhaube sind von großen Kiemen durchbrochen und das Heck erinnert mit seinem riesigen Diffusor und den dicken Endrohren an die Boliden aus der Rallye-Weltmeisterschaft. Dazu passt auch der Spoiler, den nur Ignoranten peinlich finden. Echte PS-Freunde nutzen ihn als Biertresen beim Benzingespräch.

Bei der Einrichtung des Sportstudios wurde geschlampt

Auch innen haben die Entwickler noch einmal Hand angelegt und den Focus möbliert wie ein Sportstudio. In den tief ausgeschnittenen Sitzen verliert man deshalb selbst in schnellen Kurven nicht die Contenance. Den dicken Kranz des Lenkrads umgreift man so fest wie ein Schraubstock, die Füße fliegen über genoppte Pedale, und selbst im Fond bietet der zum Viersitzer degradierte Dreitürer mehr Seitenhalt als manche Familienkutsche vorn. Allerdings wirken Details wie die Konsole unter den Sitzen und die Zierblenden aus Karbonimitat ein bisschen liebloser und wie in Eile zusammengeschustert.

Mit jedem Gasstoß gehen die Mundwinkel nach oben

Wichtiger als der schnelle Schein ist allerdings die Technik unterm Blech, die in dieser Klasse ihresgleichen sucht. Der aus dem 165 kW/225 PS starken Focus ST entlehnte Fünfzylinder schöpft nach konstruktivem Feinschliff und klassischem Motortuning aus 2,5 Litern Hubraum mit Hilfe eines Turbos 224 kW/305 PS. Dazu bringt er bis zu 440 Newtonmeter an die Vorderachse. Während andere Kompaktsportler schon mit weniger Leistung vor lauter Kraft kaum laufen können, sind dem Ford solche Traktionsprobleme weitgehend fremd. Die um immerhin vier Zentimeter verbreiterte Spur und eine neuartige Konstruktion der Vorderachse sorgen für stabilen Stand und gönnen der Elektronik eine lange Auszeit. Nur wer heftig über die Stränge schlägt und in Kurven Gas gibt, bringt den RS an seine Grenzen und ringt den Schutzengeln Überstunden ab. Dann nämlich flackert die ESP-Leuchte im Cockpit schneller als der Warnblinker.

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