VW Käfer Baja Bug
Dreckskarre auf Zeitreise

Mit Autos hatte er nichts am Hut und die Baja California kannte er nur vom Fernsehen. Doch jetzt ist der Amerikaner Jim Graham von diesem Wüstenrennen förmlich besessen. Ein Ortsbesuch mit Probefahrt.

Ensenada/MexikoDiesen Fernsehabend im Jahr 2006 wird Jim Graham wohl nie vergessen. Schließlich hat er sein Leben verändert. Denn wäre seine Frau nicht früher ins Bett gegangen und hätte er beim Zappen nicht die Dokumentation „Dust to Glory“ entdeckt, hätte er jetzt wahrscheinlich immer noch einen langweiligen Schreibtischjob und würde die TV-Übertragung der Indy 500 für den Höhepunkt des Motorsports halten.

Doch schon die ersten 10 Minuten über das legendäre Wüstenrennen an den Stränden der mexikanischen Pazifikküste haben gereicht, um in dem Mittfünfziger aus Kalifornien ein Fieber zu wecken, das bis heute glühend brennt.

Obwohl er von Autos nicht mehr wusste als jeder 0815-Fahrer und bis dahin noch nie ein Rennen live gesehen hatte, verfehlte die TV-Droge ihre Wirkung nicht: „Noch bevor ich den Fernseher ausgeschaltet habe und ins Bett gegangen bin, habe ich gewusst: Da muss ich mitmachen.“

Und weil der Wunsch am anderen Morgen keinen Deut weniger sehnlich war, hat er ihn nur elf Monate später in die Tat umgesetzt, ein Team zusammengetrommelt und ist tatsächlich bei der Baja gestartet.

Wo Profis wie der deutsche Armin Schwarz mit teilweise über 800 PS starken Hightech-Rennwagen antreten und mit riesigen Budgets fast so imposante Teams auffahren wie bei der Rallye Dakar, hat Graham sein Team bei seiner ersten Baja in einem alten VW Käfer ins Rennen geschickt und ihm seitdem die Treue gehalten.

Das hat zum einen etwas mit Tradition zu tun, sagt der Amerikaner und erinnert daran, dass der Beetle als Baja Bug bereits bei der ersten Auflage des Rennens im Jahr 1967 mit am Start war.

Aber es hat vor allem pragmatische Gründe. Denn während die modernen Rennwagen in die Hunderttausende gehen, gibt es einen konkurrenzfähigen Baja Bug als guten Gebrauchten schon ab 7.000 Dollar und als neu aufgebauten Rallye-Boliden für kaum das Doppelte, erzählt Graham. Und wo die PS-Profis teure Lizenzen brauchen, zahlt man in seiner Klasse ein läppisches Startgeld von 100 Dollar, meldet vier Fahrer und darf mitmachen.

„Unter dem Strich kostet so ein Rennen weniger als ein paar Tage Urlaub“, sagt er und beziffert sein Baja-Budget mit deutlich unter 10.000 Dollar. „Klar, es ist nicht ganz so erholsam, aber es macht dafür höllisch viel Spaß.“

Es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb Graham so gerne mit dem Käfer durch die Wüste pflügt: Das Auto lässt sich problemlos zum Rallye-Wagen umrüsten und wenn mal eines kaputt geht, gibt es in Amerika noch immer Nachschub ohne Ende.

Auch deshalb ist der spätberufene Dreckskerl mit dem Wagen wenig zimperlich: Wo andere einen 69er Käfer wahrscheinlich nur mit Samthandschuhen anfassen würden, repariert er ihn schon einmal mit dem Holzhammer.

Und bis auf den vom Reglement vorgeschriebenen Motor im Serienstand von 1969 und den verbeulten Blechen der buckligen Karosserie ist ohnehin nicht mehr viel original an dem Wüstenflitzer: Das Fahrwerk aufgebockt, die Kabine leergeräumt, die Seitenscheiben durch Netze ersetzt und hinter dem nackten Armaturenbrett zwei Schalensitze mit Hosenträger-Gurten unter einem Überrollkäfig – mehr braucht man nicht, wenn man die Baja bezwingen will.

Dann legt Graham unter dem Armaturenbrett einen Schalter umlegt, aktiviert die Zündung und lässt mit einem Knopfdruck den vom Wüstensand komplett bedeckten Motor an. „Immer schön Gas geben“, ruft er, bevor seine Stimme von einem lauten Dröhnen verschluckt wird.

Denn auch wenn der Baja Bug aus dem Boxer gerade einmal 54 PS zaubert, macht er Krach wie ein großer und man versteht sein eigenes Wort nicht mehr.

Kein Wunder: Wenn man ohne jede Dämmung in einer Kiste aus nacktem Blech sitzt und die Drehzahl über 5.000 Touren treibt, klingt selbst ein asthmatischer 1600er wie eine Höllenmaschine.

Erst recht, wenn die grobstolligen Reifen mit jeder Umdrehung von unten einen Eimer Kiesel gegen die hohlen Kotflügel schleudern. Dann hört sich der Käfer an wie eine Dose, in der jemand die letzten Kekse zu Krümeln schüttelt.

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