Wiesmann GT MF5
Marke ohne Mythos

"Der Wiesmann ist ein Insider-Auto für Snobs, denen ein Porsche zu gewöhnlich ist", findet Paolo Tumminelli. Der Designprofessor und Auto-Experte hat den nagelneuen Wiesmann GT MF5 getestet - und die 507 PS starke Flunder für zeitlos befunden. Dass die Gestaltung auf britischen Roadster-Legenden fußt, ist allerdings unübersehbar.

DÜLMEN. "Die Sicht nach vorn ist perfekt, davon können andere Autohersteller noch was lernen", ruft Paolo Tumminelli, während er hektisch am Volant kurbelt, um den Wagen in der Spur zu halten. Auf nasser Straße genügt in Kurven ein kurzer Tritt aufs Pedal, um das Heck des 507 PS starken Zweisitzers Richtung Leitplanke zu schicken. Und so lobt Tumminelli nicht die große Windschutzscheibe, sondern die wuchtigen Kotflügel, die dem sportlich ambitionierten Fahrer in zackig gefahrenen Kurven als willkommene Markierung dienen, wann es Zeit zum Einlenken ist.

Paolo Tumminelli ist Direktor des Goodbrands Institute for Automotive Culture in Köln und Autor mehrerer Bücher rund um das Thema Auto-Design. Er schreibt für das Handelsblatt regelmäßig "Tumminellis Designkritik".

Doch nun zirkelt der Designprofessor sichtlich erfreut den nagelneuen Wiesmann GT MF5 nahe dem Städtchen Dülmen durchs südwestliche Münsterland. Die schwarze Flunder ist eines der ersten Serienexemplare des jüngsten Wiesmann-Modells. Blassgrün liegen Felder und Wiesen neben der Bundesstraße, darüber liegt ein nassgrauer Schleier aus Nieselregen. Von hier stammen also die Wiesmann-Roadster und-Coupés, die ihr mondänes Zuhause für gewöhnlich in beheizten Doppelgaragen am Starnberger See oder Hamburg-Blankenese beziehen.

Für Tumminelli ist das kein Widerspruch. "Autometropolen wie Stuttgart, München oder Maranello sind nicht immer das Maß der Dinge. Dank Modulbauweise ist es heute möglich, praktisch überall Autos zu bauen. Und englische Kleinserienhersteller wie Lotus und TVR fertigen ihre Sportwagen schon seit ewigen Zeiten in einer Garage irgendwo in der Pampa."

"Ich sehe hier drei Autos"

Im britischen Roadster ortet Tumminelli auch die Wurzeln des Wiesmann-Designs: "Ich sehe hier drei Autos. Die Front mit der langen, zwischen den Kotflügeln leicht versenkten Motorhaube hat Jaguar mit dem XK 120 C definiert und war damit auch schon für viele Sportwagen stilprägend. Der Knick vor dem hinteren Kotflügel stammt vom MGA, das geschwungene Heck mit den kleinen runden Rückleuchten kennt man vom Austin Healey."

Ein Problem hat der Designprofessor mit dem Formenklau nicht: "Ein innovatives Design schaffen zu wollen wäre vermessen gewesen. Das besorgen die großen Hersteller dieser Welt, nicht die kleinen Manufakturen. Zudem machen die klassischen Anleihen den Wiesmann zeitlos, und das muss er auch sein." Eine kleine Autoschmiede könne schließlich nicht alle paar Jahre ein neues Modell entwickeln wie ein Großserienhersteller, gibt der Designpapst zu bedenken. "Außerdem hält der Wagen das englische Design durch, auch wenn es den Anforderungen der Technik angepasst ist." So sind zum Beispiel die Kotflügel in Relation zur Gesamtbreite sehr wuchtig geraten, damit die großen Räder samt Bremsanlage darin Platz finden. Und die ehemals großen runden Scheinwerfer sind zu kleinen Xenon-Linsen geschrumpft, ebenfalls ein Zugeständnis an moderne Zeiten.

Für Tumminelli ist denn auch klar, dass der Wiesmann kaum in die Autohistorie eingehen wird: "Das Design fällt zwar erfreulicherweise aus der Masse der heutigen Autos heraus, aber ihm fehlt ein echtes Statement." Und ein echter Stammbaum. "Ohne Motorsport ist eine Markenbildung schwierig, dazu braucht es den Mythos." Deshalb hält Tumminelli das Markenzeichen der Wiesmanns auch für verzichtbar. Die Dülmener Sportwagen ziert ein Gecko als Sinnbild für die Bodenhaftung ihrer Fahrzeuge. "Das ist wie bei einem Maßanzug. Da schaue ich auch nicht aufs Label, wer ihn gemacht hat."

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