Zahl der Schwerstverletzten bei Verkehrsunfällen steigt
Technische Helfer verdrängen Unfallrisiko

Fast jedes Jahr sinkt in Deutschland die Zahl der Verkehrstoten. Für Autofahrer ist das ein Grund, sich über die Sicherheitseinrichtungen zu freuen. Doch so hilfreich Airbags, ABS und ESP auch sind, sie machen nicht unverletzlich.

HB BERGISCH GLADBACH/BERLIN. Fast jedes Jahr sinkt in Deutschland die Zahl der Verkehrstoten. Für Autofahrer ist das ein Grund, sich über die Sicherheitseinrichtungen zu freuen. Doch so hilfreich Airbags, ABS und ESP auch sind, sie machen nicht unverletzlich.

Möglicherweise gibt es sogar eine verdrängte Gefahr: Eine Untersuchung legt den Verdacht nahe, dass die Zahl der Schwerstverletzten bei Verkehrsunfällen ansteigt. "Schwerstverletzt" bedeutet, dass ein Unfall beim Opfer irreparable Behinderungen zur Folge hat. In der Unfallstatistik werden diese Opfer nicht gesondert aufgelistet. Dort zählt man Getötete und Schwerverletzte - zu letzteren zählt nach Angaben der Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast) in Bergisch Gladbach jedes unmittelbar über mindestens 24 Stunden in einem Krankenhaus aufgenommene Unfallopfer.

"Wir hatten den Verdacht, dass viele, die früher bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen sind, heute mit schwersten Verletzungen überleben würden", erklärt Detlev Lippard von der Bast. Man machte sich also daran, die Schwerbehindertenstatistik, die Krankenhausdiagnosestatistik und das Traumaregister zu analysieren. Ein Ergebnis lautet, dass die Statistik für den Zeitraum von 1993 bis 2001 keinen Rückgang der Anzahl Schwerbehinderter auf Grund von Verkehrsunfällen ausweist. Bei einigen besonders schweren Verletzungsarten gab es sogar einen Anstieg.

"Für den Zeitraum von 1999 bis 2001 haben wir bei den Wirbelsäulenfrakturen einen Anstieg um acht Prozent festgestellt", so Lippard. Ebenfalls durch die Statistiken belegt ist im gleichen Zeitraum ein Anstieg der Herz- und Lungenverletzungen um zehn Prozent. Erklärungen für eine mögliche Zunahme der schwersten Verletzungen sind noch rar. Zumindest gibt es Erklärungsversuche.

So weist Stephan Topp vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Berlin darauf hin, dass Verkehrsunfälle nicht nur Autoinsassen betreffen. Nach Angaben des DRK-Referenten für Rettungsdienst hat es in der Vergangenheit eine Zunahme um 20 Prozent bei Unfällen mit älteren Verkehrsteilnehmern auf Fahrrädern gegeben. Auch die Zahl der schwereren Motorradunfälle sei gestiegen.

Der Mediziner Martinus Richter, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Prävention von Verletzungen der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) in Berlin, weist noch auf etwas anderes hin: So könnten Sicherheitseinrichtungen wie Airbags im Auto leichtere Verletzungen ganz verhindern. "Ab einer bestimmten Unfallschwere gibt es aber in der Regel schwere Verletzungen."

Dabei komme es auch auf den so genannten Delta-V-Wert an: Prallt ein Auto mit Tempo 100 gegen eine Wand, kommt es abrupt zum Stillstand. Der Delta-V-Wert wäre laut Richter 100. Rutscht der Wagen oder überschlägt sich, wird das Tempo langsamer abgebaut. Der Delta-V-Wert wäre geringer. Mit schweren Verletzungen ist laut Richter in der Regel bei Delta-V-Werten von 50 bis 70 zu rechnen. "Die Autoindustrie testet meist mit Delta-V-Werten von 30 bis 50 - der höhere Bereich wird nicht richtig untersucht."

Die Ergebnisse der Pilotstudie sorgen für Erstaunen: "Mich hat es schon etwas überrascht", erklärt Welf Stankowitz vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) in Bonn. Seiner Ansicht nach müssen die Untersuchungen detaillierter werden, um Ergebnisse bringen zu können, die auch bei der Entwicklung künftiger Fahrzeuge von Nutzen sind.

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