Zu viel Vertrauen in die Technik?
High-Tech im Auto: Experte warnt vor Überforderung

Angesichts einer immer größeren High-Tech-Fülle in Auto-Cockpits warnt Verkehrsexperte Berthold Färber vor einer Überforderung der Fahrer. "Die Ablenkung ist sehr groß", sagte der 57-Jährige anlässlich des ADAC-Juristen-Kongresses in Lübeck.

HB HAMBURG. Einige Multifunktionselemente zur Steuerung von Klimaanlage, Sitzhöhe, Telefon, Radio oder Navigationsgerät hätten 700 Funktionen, aber nur einen Knopf und ein Display. "Da muss der Fahrer viel zu lange an dem Gerät herumdrehen", sagte der Professor von der Bundeswehr-Universität-München. Die Forschung richte sich daher auf Modelle, die nicht mehr per Knopfdruck, sondern über Sprache oder Gesten funktionieren.

"Da gibt es aber noch viele Schwächen", erläuterte Färber. Er sprach sich dafür aus, ein zentrales System einzurichten und dieses mit "mehr Wissen" zu füttern. "Wenn das Telefon bei ruhiger Fahrt auf der Autobahn klingelt, dann ist dies in Ordnung. In der Innenstadt beim Abbiegen sollte es gar nicht angezeigt werden", meinte der Experte. Das Problem werde sich in Zukunft noch verschärfen. Schon jetzt könnten Fahrer im Auto etwa Konzertkarten über ihr Handy buchen. Künftig könnten sie sogar schon vor Erreichen eines Ziels einen Parkplatz reservieren. "Das sind tolle Möglichkeiten, aber sie lenken den Fahrer ab, wenn er fährt", sagte Färber.

Der Experte warnte außerdem vor zu viel Vertrauen in die Technik, etwa bei "Fahrer-Assistenz-Systemen", die nach dem Prinzip von Autopiloten funktionieren und selbstständig die Geschwindigkeit oder den Abstand zu anderen Fahrzeugen halten können. Die typische Autofahrerfrage sei dann: "Was macht er denn jetzt wieder? Der Fahrer gibt subjektiv die Verantwortung ab und kann im Notfall nicht mehr schnell genug reagieren", schilderte Färber.

Der Experte forderte daher, die Systeme müssten sich "dümmer verhalten", als sie tatsächlich seien. "Sie müssen die Verantwortung früher an den Nutzer zurückgeben", betonte der Experte. Systeme wie das Elektronische Stabilitätsprogramm (ESP), die das Steuer übernehmen, wenn ein Auto etwa ins Schleudern gerät, seien davon ausgenommen. "Es gibt niemanden, der so gut ist wie ESP. Dem kann man sich blind anvertrauen", sagte Färber. Das System reduziert seinen Angaben zufolge Einzelunfälle um 30 Prozent.

Für Aufmerksamkeit hatte dagegen ein Vorfall in Brandenburg gesorgt, der durch den "Fehler" eines Navigationsgerätes verursacht worden war. Das Gerät hatte statt einer Fähre eine Brücke angezeigt. Ein Autofahrer stürzte mit seinem Wagen daraufhin in einen Fluss. "Der Glaube an die Perfektion der Technik ist das Problem", erläuterte Färber. Wie viele Unfälle durch High-Tech-Fülle im Auto verursacht werden, sei bislang nicht erfasst. Die Zahl der entsprechend ausgestatteten Fahrzeuge sei gering. "Wenn etwas passiert, wird ein Hersteller versuchen, das nicht publik zu machen, auch aus Angst vor Produkthaftung", sagte Färber. Im Gespräch sei daher die Installierung von Unfalldatenschreibern.

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