
Köln (SID) - Sonderurlaub zur WM, ein neues Gutachten und die Gewissheit, dass weitere Sportler Probleme mit schwankenden Blutwerten haben: Für Claudia Pechstein wollten die guten Nachrichten am Vortag der Heim-WM von Inzell (10. bis 13. März) gar nicht enden. Vor lauter guter Laune verteilte die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin vor ihrem ersten Start am Donnerstag über 3000m an Teammitglieder, Trainer und Journalisten schmackhafte Donuts.
Einen wichtigen Punktsieg erlangte die Berlinerin im Kampf mit dem Bundesinnenministerium (BMI). Das Ministerium gewährte der 39-Jährigen für die Dauer der WM nun doch einen Sonderurlaub. Bislang hatte es geheißen, dass Pechstein für ihren Start bei der WM als Hauptmeisterin der Bundespolizei Jahresurlaub einreichen müsste. "Ich bin zufrieden, dass zumindest einem Teil meines Antrages entsprochen wurde", sagte Pechstein. Bis Montag hat sie Sonderurlaub, danach möchte die Athletin ihren Jahresurlaub nehmen, damit sie nicht direkt nach der WM in Uniform zum Dienst antreten muss.
Gleichzeitig sicherte sich die Athletin im Dauerstreit mit dem Weltverband ISU um ihre erhöhten und schwankenden Blutwerte ab. Die Berlinerin besorgte sich bei Dr. Stefan Eber in München ein medizinisches Attest, wonach ihre erhöhten Retikulozyten-Werte medizinisch nicht gesundheitsschädlich sind. Sollte die ISU während der WM eine Schutzsperre wegen medizinischer Bedenken verhängen, will Pechstein mit Hilfe des Gutachtens ihren Start zur Not auch per Einstweiliger Verfügung vor einem Gericht erstreiten.
Sperre am 8. Februar abgelaufen
Pechsteins Sperre wegen erhöhter Blutwerte war am 8. Februar abgelaufen. Seitdem erzielte die sechsmalige Weltmeisterin auf dem Eis wieder Top-Ergebnisse und qualifizierte sich auf vier Strecken für die WM. Für ihren ersten Lauf am Donnerstag über 3000m gehört sie zu den Medaillenanwärtinnen.
Im Zusammenhang mit Pechsteins Fall sind anscheinend bei zahlreichen deutschen Spitzensportlern Blutanomalien aufgetaucht. Nach Informationen des Bayerischen Rundfunks wurden am Universitätsklinikum Ulm neben Pechstein und zwei weiteren Eisschnellläuferinnen auch die Blutbilder von diversen Ausdauerathleten und Fußballern analysiert und ebenfalls seltene Blutanomalien diagnostiziert. Zu den Behandlungen kam es anscheinend erst, weil die betreffenden Sportler im Zuge des Pechsteins-Falles Angst vor Sperren bekommen hatten.
"Im Rahmen des Pechstein-Verfahrens habe ich von verschiedenen Ärzten eine Reihe von Aufträgen bekommen, weil sich Sportler an sie gewendet hatten, in der Sorge, dass sie das Problem auch bekämen", sagte die zuständige Hämatologin Professor Elisabeth Kohne. Pechstein war allein wegen ihrer abnormalen Retikulozytenwerte ohne direkten Dopingnachweis für zwei Jahre gesperrt worden.
Münchner Hämatologe hat weitere Blutproben untersucht
Indirekt entlastete Kohne damit auch Pechstein, obwohl sie auch bei den ihr vorgelegten Fällen Doping nicht für unmöglich hält: "Ich kann das ja nicht ausschließen, wenn einer so einen Defekt hat und außerdem noch Doping nimmt. Aber das ist ja nicht die Fragestellung. Der entscheidende Punkt ist, ob man unter Sportlern Menschen findet, die Blutwerte haben, wo anderen Ortes Verdacht auf Doping geäußert wird - und das gibt es."
Zudem berichtet der Münchner Hämatologe Professor Stefan Eber, nach Claudia Pechstein im Sommer 2010 auch noch das Blut von zwei weiteren deutschen Eisschnellläuferinnen untersucht zu haben. Dabei dürfte es sich um Heike Hartmann und Bente Kraus handeln, bei denen Beamte des Bundeskriminalamts im Zuge des Falles Pechstein auch Hausdurchsuchungen durchgeführt hatten. Nach Informationen des Bayerischen Rundfunks stellte Eber bei einer der beiden, wie auch bei Pechstein, ein Gutachten für eine Xerozytose-Anomalie aus.
Die Nationale Anti Doping Agentur (NADA), die seit 2007 Blutprofile von deutschen Sportlern erstellt, erteilt keine Ausnahmegenehmigungen für Anomalien. Fallen der Agentur abnormale Blutwerte auf, führt sie verstärkte Zielkontrollen durch.