
FRANKFURT. Das Bier fließt wieder. Endlich, werden die Belgier sagen, hat der Streik in der größten Brauerei der Welt ein Ende gefunden. Die Biervorräte in Getränkemärkten und Gaststätten waren bereits zur Neige gegangen, nachdem die Beschäftigten bei Anheuser-Busch Inbev ihre Arbeit aus Protest gegen Sparpläne niedergelegt hatten. Inzwischen haben sie sich mit den Konzernbossen auf einen Waffenstillstand geeinigt. Doch die Probleme der Branche sind damit nicht gelöst. Der Streik sorgt nicht nur unter Biertrinkern für Aufsehen, sondern ist auch ein Warnsignal für die Aktionäre.
Im Sog der Börsenrally des vergangenen Jahres spülte es die Brauereiaktien weit nach oben. Die Papiere von Inbev stiegen auf Jahressicht um 85 Prozent, Carlsberg hat sogar 116 Prozent gewonnen, SAB Miller rund 78 Prozent und Heineken liegen immerhin rund 50 Prozent im Plus.
Experten gehen inzwischen davon aus, dass die Kurse zu rasant gestiegen sind. Denn die Wirtschaftskrise macht der Bierbranche zu schaffen. Nicht nur bei Inbev muss gespart werden, auch SAB Miller, die Nummer zwei der Welt, steckt in Schwierigkeiten. In diesem Jahr sei dank Einsparungen und reduzierter Investitionen zwar wieder mit einem stärkeren Cash-Flow zu rechnen, sagt Michael Steib von Morgan Stanley. Die Markterwartungen seien zuletzt aber gestiegen, so dass die Aktie nur noch wenig Luft nach oben habe.
Sorgen bereiten den Brauereien besonders die traditionellen Biernationen. Es fehlt an organischem Wachstum. "Wir erwarten für Nordamerika eine Stagnation, in Europa einen Absatzrückgang, vor allem in Osteuropa", heißt es in einer aktuellen Analyse der Hopfenhandelsfirma Barth Group. -Haas In Lateinamerika und Asien, die als Hoffnungsträger der Branche gelten, werde sich das Wachstum etwas abschwächen. Die Brauerei-Industrie werde weniger Bier verkaufen, als erwartet; möglicherweise falle der weltweite Bierausstoß zum ersten Mal seit Jahrzehnten unter das Niveau des Vorjahres. Die alte Weisheit, wonach die Menschen in schweren Zeiten mehr Bier trinken, habe sich nicht bewahrheitet.
Mehr als 1,8 Mrd. Hektoliter Bier wurden 2008 weltweit gebraut. Der größte Produzent der Welt ist China mit einem Ausstoß von mehr als 410 Mio. Hektolitern. Der chinesische Bierdurst ist in den vergangenen Jahren stetig größer geworden. Deutschland liegt mit einem Bierausstoß von rund 103 Mio. Hektolitern inzwischen auf Platz fünf der weltweiten Rangliste, hinter China, den USA, Russland und Brasilien.
Es ist kaum verwunderlich, dass eine Brauerei aus China, die Beijing Yanjing Brewery, weit oben in der Gunst der Analysten steht. Acht von neun Experten, die in den vergangenen vier Wochen die Aktie bewertet haben, sagen laut Finanzinformationsdienst Bloomberg "Kaufen", einer empfiehlt "Halten", keiner rät, die Papiere zu verkaufen. Das Problem: Die Aktie ist an der Börse in Shenzhen gelistet, Privatanleger aus Deutschland dürfen dort nicht handeln. Ein Umweg über die Börse in Hongkong ist ebenfalls nicht ohne Weiteres möglich. Hier wird das Unternehmen nicht direkt gelistet, sondern nur als Teil der Beijing Enterprises Holdings, die eine Reihe von Staatsunternehmen bündelt.
Etwas besser kommen Anleger an die Aktie der Tsingtao Brewery ran. Die Brauerei, die auf eine Gründung deutscher Siedler im Jahr 1903 zurückgeht, lässt sich sogar über Börsen in Deutschland handeln. Zwar haben in den vergangenen vier Wochen nur drei Analysten ein Urteil abgegeben, aber jedes Mal lautete dieses "Kaufen".
Die Brauer aus dem Westen versuchen, ihre Marktanteile durch Zukäufe zu verteidigen. Für die größte Übernahme sorgte Inbev. Inmitten der Finanzkrise schluckten die Belgier die US-Brauerei Anheuser-Busch. Kostenpunkt: 50 Mrd. Euro. Jedes vierte Bier, das weltweit über den Tresen geht, stammt seitdem aus den Sudkesseln dieser Großbrauerei. Dazu gehören auch deutsche Marken wie Beck's, Hasseröder und Franziskaner.
Vor kurzem lieferten sich Heineken und SAB Miller ein Bietergefecht um die mexikanische Brauerei Femsa Cerveza. Den Zuschlag bekam Heineken, was die Niederländer gut fünf Mrd. Euro kostete. Die Branchenexperten von SNS Securities nannten den Zukauf eine "strategische Notwendigkeit", auch wenn die Expansion nicht billig sei. Auch die Analysten der Société Générale lobten den Deal und hoben ihr Kursziel für die Aktien von 37 auf 42 Euro an. Die Akquisition von Femsa aus Mexiko sei mit Blick auf die künftigen Wachstumsperspektiven von Heineken ein wichtiger Schritt, schrieb Valerie Wilhelm in einer Studie. Mexiko und Brasilien zählten in Bezug auf das Volumenwachstum innerhalb der Schwellenländer zu den attraktivsten Märkten.
Als weiterer Übernahmekandidat aus Mexiko gilt Modelo, hierzulande bekannt durch die Marke Corona. Möglicherweise schlägt einer der Großen der Branche auch hier zu und schnappt sich die kleine Mexiko-Brauerei. Anheuser-Busch Inbev steht schon in den Startlöchern.




