
NEU-DELHI. Vikram Akula gehört zu den Guten. Der 41-jährige Inder wurde als sozialer Unternehmer des Jahres ausgezeichnet, das Davoser Weltwirtschaftsforum wählte ihn zum „Young Urban Leader“, das „Time-Magazine“ zu einer der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Akula ist Indiens Bankier der Armen. Millionen mittellosen Familien, denen keine normale Bank Geld leihen würde, hat er mit Mikrokrediten eine Kuh, Netze zum Fischen oder einen kleinen Straßenshop als Einkommensquelle finanziert. Mit oft weniger als hundert Euro hat er sie vor den Fängen skrupelloser Geldverleiher bewahrt.
Doch neuerdings gibt es Leute, die an Akulas Rolle zweifeln. Die ihm vorwerfen, er mache hohe Profite auf Kosten der Armen. Denn Akulas Unternehmen SKS Microfinance bringt die Gesetze der Wall Street in Indiens unterentwickelte Dörfer. Anfang nächster Woche geht SKS an die Börse, die Zeichnungsfrist beginnt heute. Es ist weltweit erst der zweite große Börsengang eines Mikrokreditinstituts nach der Banco Compartamos 2007 in Mexiko.
Statt Philantropen und Entwicklungsorganisationen wie die Weltbank, die in den Anfangsjahren die Minikredite mit Kapital unterlegten, geben dann kühl rechnende Investoren das Geld. Kritiker fürchten, dass damit eines der erfolgreichsten Instrumente zur Armutsbekämpfung unter die Räder kommt. Sie warnen, dass die auf hohe Renditen getrimmten Mikrokreditinstitute überzogene Zinsen von den Armen verlangen. Dass ihre schnelle Expansion die internen Kontrollsysteme überfordern könnte und die Kreditausfälle gefährliche Ausmaße erreichen. Dass sich eine Blase ähnlich wie in der US-Immobilienkrise entwickeln könnte, weil gleich mehrere Institute denselben Kunden Kredite geben und die Überschuldung droht.
„Mikrokredite sind nicht zur Profitvermehrung renditehungriger Anleger da“, sagt Muhammad Yunus, der vor 30 Jahren in Bangladesch die Idee der Kleinstdarlehen begründet hat. 2006 bekam er dafür den Friedensnobelpreis. Jetzt sieht er sein Lebenswerk in Gefahr. Gewinnorientierte Mikrofinanzinstitute seien kaum besser als die Kredithaie, denen sie das Handwerk legen wollten, schimpft Yunus. Ein Börsengang sei „das falsche Signal“.
Akula kennt Yunus Standpunkt. Als junger Universitätsabsolvent lernte er bei dessen Grameen-Bank wie Mikrokreditgeschäft funktioniert, bevor er 1998 SKS gründete. Aber Akula, Inhaber eines amerikanischen Passes und ehemaliger McKinsey-Berater, hält die Kritik für nicht mehr zeitgemäß. Er pariert mit Zahlen der Weltbank. Demnach klafft allein in Indien eine Lücke von 51 Mrd. Dollar zwischen dem Bedarf nach Mikrokrediten und dem Angebot. Einzig am Kapitalmarkt könne man das Geld für die Armen eintreiben. „Deshalb geht SKS an die Börse.“
Der immense Bedarf an Kleinstkrediten in den Entwicklungsländern ist die Story, die auch die Investoren von London bis New York elektrisiert. Bereits seit einigen Jahren haben Private-Equity-Fonds und Banken den jungen Markt mit weltweit rund 60 Mrd. Dollar Darlehensvolumen und 1 500 registrierten und zertifizierten Instituten als lukratives Anlageziel entdeckt. „Gute Mikrokreditorganisationen erzielen hervorragende Ergebnisse“, meint Ashish Lakhanpal, dessen Fonds Kismet Capital aus den USA an SKS beteiligt ist.




