Die Ankündigung der Ratingagentur Standard & Poor's, Brasilien ab sofort als guten Schuldner (Investment-Grade) einzustufen, überraschte Investmentbanken und Analysten gleichermaßen - und löste an den Märkten ein Kursfeuerwerk aus. Mit dem Investmentgrade dürfte sich der Aufwärtstrend der Börse weiter fortsetzen.
Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva feiert die besseren Bonitätsnoten seines Landes. Foto: Archiv
SAO PAULO. "Früher als erwartet, aber verdient", kommentierte Paulo Leme von Goldman
die Entscheidung. "Brasiliens nun zehnjährige Anstrengungen, die Inflation niedrig und die Leistungsbilanz positiv zu halten wird damit honoriert."
S&P hatte brasilianische Fremdwährungsanleihen von "BB+" auf "BBB-" heraufgestuft. "BB+" liegt im Gegensatz zu der um eine Stufe besseren Note "BBB-" im Spekulationsbereich, das heißt, es handelt sich um eine spekulative Anlage mit mäßiger Deckung für Zins und Tilgung, in die große Investoren wie Pensionsfonds kein Geld stecken dürfen.
Lisa Schineller von S&P erklärt die bessere Bonitätsnote Brasiliens vor allem mit den reifen politischen Institutionen und Rahmenbedingungen, dem verringerten Haushaltsdefizit, einer niedrigeren Außenverschuldung sowie den guten Wachstumsaussichten Brasiliens. "Brasiliens pragmatische Wirtschaftspolitik lässt ein starkes, anhaltendes Wachstum möglich werden", sagte Schineller. Brasilien hohe Devisenreserven von fast 200 Mrd. Dollar und die inzwischen im Wert geringeren Auslandsschulen haben Brasilien für ausländische Gläubiger zusätzlich sicher gemacht.
Präsident Luiz Inácio Lula da Silva feierte die verbesserte Bonität Brasilien als einen "Sieg des brasilianischen Volkes". "Brasilien ist endlich zu einem ernstzunehmenden Land erklärt worden", erklärte Lula und fügte hinzu: "Endlich können wir die Politik machen, die wir für richtig halten, ohne, dass uns jemand reinredet."
In den brasilianischen und internationalen Investmentbanken war die Aufwertung erst für Ende des Jahres erwartet worden - vor allem wegen der Finanzmarktturbulenzen weltweit. "Wir dachten, dass die Agenturen erst abwarten wollten, wie die Regierung angesichts der verschärften Krise reagieren würde", erklärte Goldman-Sachs-Experte
Leme. Nun wird gerade Brasiliens überraschende Stabilität der letzten neun Monate inmitten der weltweiten Finanzkrise als das wichtigste Argument für die Aufwertung des Landes gesehen. Denn die brasilianische Börse schneidet sowohl in den letzten zwölf Monaten - plus 36 Prozent - als auch seit Januar - plus 5,5 Prozent - besser ab als fast alle anderen Aktienmärkte weltweit.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Aufwärtstrend dürfte sich fortsetzen.
Der Aufwärtstrend der Börse dürfte sich nun mit dem Investmentgrade fortsetzen: Erstmals können ausländische institutionelle Investoren wie Pensionsfonds in brasilianische Anleihen und Aktien investieren. "Der Kapitalzufluss nach Brasilien wird sich verstärken, und brasilianische Unternehmen erhalten künftig leichter Kredit im Ausland", sagt Zeina Latif, Chefvolkswirtin von ABN Amro Real in Sao Paulo. Zusammen mit der Heraufstufung verbesserte S&P auch die Ratings von zehn brasilianischen Unternehmen.
Unklar ist noch, wann die anderen Rating-Gesellschaften ebenfalls ihre Risikoeinschätzungen verbessern. Denn bei Fitch wie Moody?s stehen brasilianische Anleihen noch eine Stufe unter dem Investmentgrade - mit "stabilen" Aussichten. Das dürfte eigentlich Verbesserungen in der nächsten Zeit unwahrscheinlich machen. Derzeit sei eine Fitch-Delegation in Brasilien unterwegs, um eine Heraufstufung zu prüfen, heißt es in São Paulo.
Dennoch herrscht in Brasiliens Wirtschaft und Finanzmärkten nicht nur Sonnenschein. Stunden vor der Verkündung durch S&P hatte die Investmentbank JP Morgan eine Studie zu Brasilien veröffentlicht, wo sie auf die steigende Inflationsrate und das schnell zunehmende Leistungsbilanzdefizit hinwies. Im ersten Quartal hat Brasilien bereits ein Minus von rund zehn Mrd. Dollar in seiner Leistungsbilanz registriert, obwohl die Zentralbank bis zum Jahresende nur ein Defizit von zwölf Mrd. Dollar prognostiziert. Denn obwohl Brasiliens Exporte weiter gewachsen sind, explodieren die Importe. Auch befürchten viele Firmen, dass der Real durch den ausländischen Kapitalzufluss weiter aufwertet. Brasiliens Exportunternehmen klagen bereits über den starken Real, der sie gegenüber Wettbewerbern benachteiligt.
